Oliver Drechsel konzertiert in Haus Eller

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Die aufrechten Klaviere der Sammlung Dohr, Köln

beschrieben von Christoph Dohr

  1. 1835 (ca.) Lyraflügel (anonym/undatiert)
  2. 1838 Piano „Niche de Chien“ [François] Soufleto et Cie. Paris
  3. 1842 Piano Console Pape, Paris, # 5039
  4. 1845 Piano Console Pape, Paris, # 5700
  5. 1863 Pianino John Broadwood & Sons, London, #23951
  6. 1880 mech. Walzenklavier J. Gilardenghi (Marseille)
  7. 1880 (ca.) Konzertklavier J. Klems, Düsseldorf
  8. 1895 (ca.) Konzertklavier E. Goericke, Berlin
  9. 1895 (ca.) Dirigentenklavier J. Erbe, Eisenach
  10. 1900 (ca.) Dirigentenklavier J. Erbe, Eisenach
  11. 1901 Piano Rud. Ibach Sohn # 40082
  12. 1903 Pedalklavier Wilhelm Hirl, Berlin, #231
  13. 1910 (ca.) "Theinola", Piano mit Selbstspieler
  14. 1910   (ca.) Pedalklavier Neufeind, Berlin
  15. 1920 (ca.) Pianino Friedrich Prein, Köln
  16. 1935 Kleinklavier ("Pianochord") Theodor Mannborg, Leipzig #53257

Beschreibung der Instrumente

1835   (ca.) Lyraflügel (anonym/undatiert)

Signierung auf Korpusrückseite: "M.A.". Aufgrund dieser Signierung ist derzeit noch keine eindeutige Zuweisung an einen Erbauer möglich. Henkel führt in seinem „Lexikon deutscher Klavierbauer“ nur einen Klavierbauer mit den Initialen M.A. für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts an: Michael Althammer, München 1835. Eine Zuschreibung ist nicht möglich. Keine weitere Signierung im Instrument zu finden. Der Vorbesitzer hatte das Instrument ca. 1956/57  für ca. 2-3000 Mark bei einem Antiquitätenhaus in Baden-Baden erworben und unrestauriert eingelagert; ein ca. 1975 ins Auge gefasster, in die originale Substanz eingreifende „Spielbarmachung“ wurde nicht realisiert; derzeit nicht spielbar: schwerer Verwerfungsriss im Stimmstock; Korpus verzogen; zahlreiche Knochenleimstellen in der Mechanik gelöst.

Kurzcharakteristik: Klaviaturumfang: sechs Oktaven + 1 Sekunde (E1 bis f4), weiße Untertasten mit Elfenbeinbelag, schwarze Obertasten Ebenholz; äußerst dekoratives Instrument (Kirschbaum?) mit sieben bronzierten Stäben als Lyrasaiten; 2 Kniehebel (Dämpfungsaufhebung und Moderator); zweichörig bis gis’, danach dreichörig; vier birnenförmige Beine (Länge 48,5 cm; daher sehr geringe Beinfreiheit zur Betätigung der Kniehebel); Spielhöhe [Höhe der Untertastenoberkante über dem Fußboden] 61 cm; Gesamthöhe ca. 210 cm, Korpushöhe ca. 165 cm, Breite ca. 121 cm, Tiefe ca. 65 cm; rechtsstimmig. In Höhe und Breite entspricht das Instrument recht gut dem genau sechsoktavigen Schleip-Flügel in Frankfurt/Oder (Inv.-Nr. 20). Die Schleip-Flügel sind allerdings im Lyra-Bereich stärker tailliert und dadurch im direkten Vergleich eleganter. Kein Notenpult.

Voreigentümer: ursprünglicher Besitzer unbekannt ["M.A."?]; Antiquitätshandel Baden-Baden; zuletzt ca. 1/2 Jahrhundert Privatbesitz, Frankfurt; 2003 Erwerb für die Sammlung Dohr.

Literatur: Hanns Neupert, Art. „Klavier“, Kapitel VI. in: MGG 1. Auflage Bd. 7, Sp. 1101-1109, hier Sp. 1105: „... schließlich als Berliner Sonderform der Lyraflügel mit geschwungenen, den Jocharmen der antiken Leier ähnlichen Zargen.“; Hirt, Meisterwerke des Klavierbaus, Olten 1955 (S. 404f.), stellt auch ein Instrument eines Nicht-Berliner Erbauers vor; ders. (S. 402f.) beschreibt ein Instrument von J. A. Westermann von 1830 mit identischem Ambitus und zwei- bis dreichörigem Bezug, das allerdings eine andere Mechanik und Pedale aufweist; Hubert Henkel, Art. „Althammer, Michael“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 19.

 


1838    Piano „Niche de Chien“ [François] Soufleto et Cie. Paris

Piano "Niche de Chien": Totale, geöffnet Piano "Niche de Chien": Totale, Tastenklappe geöffnet
Piano "Niche de Chien": Dämpfungsaufhebungspedal (links!) Piano "Niche de Chien": getuschtes Firmenschild
Piano "Niche de Chien": Tragegriff Piano "Niche de Chien": schrägsaitiger Bezug; schräggestellte Hammerköpfe

Kurzcharakteristik: Soufleto gehörte zu den ersten Pariser Klavierbauern, die - einer Mode folgend - aufrechte Klaviere mit Aussparung in der unteren Korpusmitte, der „Hundehütte“ ("Niche de Chien"), gestalteten. Ein aufrechtes Klavier mit mehreren bautechnischen Besonderheiten, die es zum sammelwürdigen Kuriosum machen:

  • Der schrägsaitige Bezug lässt Platz für eine Aussparung in der unteren Korpusmitte.
  • Das Piano öffnet sich wie ein Portefeuille: um an Mechanik und Bezug zu gelangen, klappt man die gesamte Vorderfront um eine vertikale Achse weg.
  • Das Piano ist - ähnlich der Piano Consolen Papes - außergewöhnlich niedrig.

Tastaturumfang 6 ½ Oktaven, Untertasten Elfenbein, Obertasten Ebenholz; ein Pedal (links!; forte). Restauriert zuletzt ca. 1998 durch Bedel, Paris-Malakoff.

Literatur: David Crombie: Piano. Evolution, Design and Performance. London: Balafon Books 1995; dt. Ausgabe: David Crombie: Piano. Entwicklung, Design, Musiker. London: Balafon Books 1995.

            


1842    Piano Console Pape # 5039

Kurzcharakteristik: Ein weiterer Streich des Genies Pape: Ein genau ein Meter hohes aufrechtes Klavier, dessen aufrechte Mechanik nur wenig die Ebene der Tastenhebel überragt. Der Resonanzboden ist zugleich Rückwand, die Rippen liegen innen. Schrägsaitiger, leicht strahlenförmiger, sich nicht kreuzender Bezug; linkes Pedal als Verschiebung ausgeführt. Diese Piano-Console ist im Vergleich zur jüngeren innerhalb der Sammlung Dohr erheblich aufwändiger verziert und weist spiralförmig gedrechselte Säulen auf. Äußerlich gut erhalten, jedoch zahlreiche fehlende Details; nicht spielbar. Die Datierung befindet sich in direkter Nachbarschaft zur Seriennummer rechts oben im Instrument.

Voreigentümer: Zwischenhändler, Rouen (Frankreich)

Piano Console Pape - Modell mit gedrehten Konsolenunterfängen.

Literatur: Art. „Pape, Heinrich“, in: Mendel/Reissmann, Musikalisches Conversations-Lexikon, Bd. 8 (1877), S. 12f.; Hanns Neupert, Art. „Pape, Johann Heinrich“, in: MGG 1. Auflage Bd. 10 (1962), Sp. 734f.; Margaret Cranmer, Art. „Pape, Jean Henri“, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 6. Aufl. 1985, Vol. 14, S. 170; Catherine Michaud-Pradelles: Jean-Henri Pape 1879-1875, in: Le pianoforte en France et ses descendants jusqu’aux  années trente, Paris: Agence Culturelle 1995, S. 106-114; Catherine Michaud-Pradelles: Mémoire avec vue, in: Daniel Hangard (Hg.): Touches à touches. Pianos et brevets d’invention au XIXe siècle, Paris: INPI 1997, S. 3-9; Patrick Sinigaglia : Facteur d’avenir, in: Daniel Hangard (Hg.): Touches à touches. Pianos et brevets d’invention au XIXe siècle, Paris: INPI 1997, S. 12-15; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 278-283.


1845    Piano Console Pape # 5700

Kurzcharakteristik: siehe Piano Console # 5039. Datierung nach anderer Lesart auch "1843". Diese jüngere der beiden Piano-Consolen weist ein anderes Äußeres auf: Gesägte Kapitelle stützen die Tastatur. Die Console ist stimm- und spielbar (der Voreigentümer hatte vor dem Verkauf alle Saiten spannungsfrei gesetzt; zwecks Erhaltung des zum Teil morbiden Original-Bezugs ist das Instrument derzeit auf einen deutlich tieferen Kammerton gestimmt) und in fast vollständigem und damit sehr gutem Original-Erhaltungszustand (Leuchter, Scharniere, Notenpult inkl. Lederscharniere), es fehlen acht Saiten des Original-Bezugs, ein Leuchter und ein Hammerstilfängerfilz.

Voreigentümer: Privatbesitz, Albertville (Frankreich)

Piano Console Pape - Modell mit gesägten Konsolenunterfängen.

Literatur: siehe Piano Console # 5039.


1863 Pianino John Broadwood & Sons, London, Seriennummer 23951

Kurzcharakteristik:

Unrestauriertes Pianino ("cottage upright") der berühmten Firma John Broadwood & Sons in London aus der Zeit zwischen 1860 und 1865 (Seriennummer: 23951).

Optisch sehr ansprechendes Gehäuse mit zwei Feldern in fein ziselierter Durchbrucharbeit, das bis auf ganz wenige Abnutzungsspuren sehr gut erhalten ist. Zwei eingeschraubte Beine vorne, je mit Rolle. Vorsatzbrett mit (nicht originalem) Firmenschild, ausklappbares Notenpult, sowie zwei in den Klaviaturdeckel integrierte kleine hölzerne Podeste als Kerzenständer.

Zur klanglichen Ausstattung und Bauweise. Stimmanhang im Bass durch eine metallene Anhangplatte, im Diskant dagegen komplett aus Holz, keine Spreizen; geradsaitiger Bezug; Hammerköpfe befilzt; Oberdämpfung.

Der Zustand ist von der Substanz her gut. Broadwood-Klaviere genießen den Ruf, besonders robust und dauerhaft gebaut zu sein. Es sind weder Risse im Stimmstock noch im Resonanzboden zu erkennen; jedoch hält das Instrument die Stimmung nicht mehr;

Pianino John Broadwood & Sons 1863

Klaviaturumfang: C1-a4 = 6 3/4 Oktaven; Bezug C1-F1 einchörig, Rest zweichörig.

Pedale: zwei (wie bei Broadwood in dieser Zeit üblich: Holz-)Pedale: Verschiebung (una corda) und Dämpfungsaufhebung. Es handelt sich um eine echte Verschiebung, ein echtes una corda, mit deutlicher Klangveränderung.

Maße: 135 cm B x 65 cm T x 122 cm H.

Voreigentümer: Schenkung Juli 2012 Johannes Freund, Forchheim (Oberfranken)

Literatur: Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 10. Aufl. Frankfurt/Main 2005, S. 70-72.


1880   (ca.) kurbelgetriebenes Walzenklavier J. Gilardenghi (Marseille)

1880   (ca.) kurbelgetriebenes Walzenklavier J. Gilardenghi (Marseille)

Kurzcharakteristik

  • Das Instrument wurde 2006 für die Sammlung Dohr erworben; es ist derzeit in seinen hölzernen, mechanischen Teilen "abgespielt" und aufgrund dieser hohen Abnutzung nicht spielbereit.
  • Das Instrument hat keine Klaviatur, sondern anstelle der Klaviermechanik die stiftbesetzte Walze und die dazugehörige Mechanik eingebaut. Dabei wird die Form eines aufrechten Pianinos nachgeahmt.
  • Das Instrument hat einen Umfang von ca. 50 Tönen und schlägt mit nicht befilzten Holzhämmern an - was einen sehr perkussiven, lauten Klang ergibt.
  • Hersteller laut rechts im Instrument eingeklebtem Schild: "Fabrique de Pianos / à cylindre /  Réparations & Locations / J. Gilardenghi / 12 Rue du Fort / Marseille." Über die Firma konnte fast nichts ausfindig gemacht werden.

Voreigentümer: Antiquitätenhändler, Freiburg i. Br.

Literatur: http://users.telenet.be/lieve.verbeeck/autres_marques_francais_g.htm [valide 03.11.2008]; Weltadressbuch 1926, Frankreich - Marseille: "Gilardenghi, J., 9 rue Chateaubriand, Drehpiano-Händler".


1895 (ca.) Konzertklavier E. Göricke, Berlin

Kurzcharakteristik

  • großes deutsches "Konzertklavier" mit Elfenbein-Untertasten, reichem Schnitzwerk und Aufsatz.
  • Oberdämpfung
  • Generalüberholung ca. 2000: neuer Stimmstock, neue Wirbel, neue Hammerköpfe
  • "E. Goericke" ist nur von ca. 1893 bis ca. 1900 als Instrumentenbauer in Berlin nachweisbar. Es ist nicht sicher, dass das Instrument von Goericke selbst gefertigt oder nur "gelabelt" wurde.

Voreigentümer: Peter J. Hemmen, Linz am Rhein.

Literatur: Hubert Henkel, Art. „Göricke, E.“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 187f.; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 121.


1895 (ca.) Dirigentenklavier Jakob Erbe, Eisenach

Kurzcharakteristik

siehe nachfolgendes Instrument

Zustand: Das Instrument befindet sich optisch und mechanisch in einem recht guten Zustand. Mehrere Saiten gerissen, zwei Hammerköpfe abgebrochen. Laut Hubert Henkel baute die 1881 gegründete Pianofabrik Jakob Erbe ab 1893 dieses patentierte Dirigenten-Klavier. Lt. Jan Großbach wurde die Fertigung von Instrumenten 1929 eingestellt, lt. Henkel erlosch die Firma 1945. Großbach kann nur Seriennummern für 1925 und 1930 datieren, so dass eine genauere Datierung des vorliegenden Instrumentes derzeit nicht möglich ist.

Voreigentümer: Privatbesitz Frankfurt am Main (Erwerb Oktober 2012)

Literatur: Paul de Wit: Welt-Adreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie, Leipzig; Hubert Henkel, Art. „Erbe, Jakob“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 132. Jan Großbach: Atlas der Pianonummern. 10. aktualisierte und erweiterte Auflage. Frankfurt: PPV-Medien Gmbh Edition Bochinski 2005, S. 108.


1900 (ca.) Dirigentenklavier Jakob Erbe, Eisenach

Dirigentenklavier Jakob Erbe, Eisenach. Totale von vorne, geschlossen Dirigentenklavier Jakob Erbe, Eisenach. Totale von schräg oben, geöffnet.
Dirigentenklavier Jakob Erbe, Eisenach. Totale von hinten bei abgenommener Rückwand. Dirigentenklavier Jakob Erbe, Eisenach. Schild mit Plakette von 1894
Dirigentenklavier Jakob Erbe, Eisenach, Schild mit Patennummern im Klaviaturraum

Kurzcharakteristik

  • "hinterschlägiges" Klavier (Begriffsfindung von Christoph Dohr [06.01.2010]: Die Hämmer schlagen von hinten nach vorne; lt. Wolf-Dieter Neupert "unterschlägige Pianino-Mechanik" genannt [Telefonate am 07.01.2010]; lt. Wikipedia "Pianino mit Untertastenmechanik" [Recherche 07.01.2010]; der erste Begriff ist etwas unglücklich [die Tasten schlagen nicht nach unten, sondern ziehen die Mechanik nach oben!], der letztere sehr unglücklich gewählt [schließlich haben auch die Obertasten dieselbe Mechanik; gemeint ist, dass sich die Mechanik unter den Tasten befindet].
  • Umgekehrte Reihenfolge im Konstruktions-Aufbau im Vergleich zum herkömmlichen aufrechten Pianino: Vom Spieler aus gesehen befindet sich der Resonanzboden vorne, dann kommt die gusseiserne Platte, dann der Bezug, schließlich die Spielmechanik, als Letztes kommt die Mechanik für das "linke Pedal", der Moderator.
  • Maße: 125 cm breit, 45 cm tief, 95 cm hoch (im geschlossenen Zustand).
  • Besondere, patentierte Konstruktion der Spielmechanik: Die Tastenebene befindet sich oberhalb der akustischen Anlage des Instrumentes. Beim Anschlag einer Taste zieht eine an deren befindliche Draht-Abstrakte die Mechanik an dem Punkt, wo beim normalen Klavier eine Taste untergreift, nach oben.
  • Das Instrument weist einen im Vergleich zur Entstehungszeit kleinen Ambitus von lediglich sechs Oktaven auf. Das Instrument ist lediglich einchörig besaitet.
  • Ambitus: sechs Oktaven, F1 bis f4 (!)
    • x-x = einchöriger Bezug, umsponnen
    • x-x = einchöriger Bezug, blank
  • Bezug kreuzsaitig, Gussrahmen
  • zwei Pedale: rechts Dämpfungsaufhebungspedal ("Forte"), links Moderator ("Piano"; bewirkt eine Verringerung des Anschlagsweges).

Zustand: Das Instrument befindet sich optisch und mechanisch in einem guten Zustand. Es hält die Stimmung nicht mehr. Laut Hubert Henkel baute die 1881 gegründete Pianofabrik Jakob Erbe ab 1893 dieses patentierte Dirigenten-Klavier. Lt. Jan Großbach wurde die Fertigung von Instrumenten 1929 eingestellt, lt. Henkel erlosch die Firma 1945. Großbach kann nur Seriennummern für 1925 und 1930 datieren, so dass eine genauere Datierung des vorliegenden Instrumentes derzeit nicht möglich ist.

Voreigentümer: Privatbesitz Stödtling

Literatur: Paul de Wit: Welt-Adreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie, Leipzig; Hubert Henkel, Art. „Erbe, Jakob“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 132. Jan Großbach: Atlas der Pianonummern. 10. aktualisierte und erweiterte Auflage. Frankfurt: PPV-Medien Gmbh Edition Bochinski 2005, S. 108.


Piano Rudolf Ibach Sohn #40082 (ca. 1901)

Piano Rudolf Ibach Sohn #40082; Totale Piano Rudolf Ibach Sohn #40082, Schutzmarkenzeichen
Piano Rudolf Ibach Sohn #40082, Seriennummer Piano Rudolf Ibach Sohn #40082
Piano Rudolf Ibach Sohn #40082, Pedalerie Piano Rudolf Ibach Sohn #40082, Emblem auf Resonanzboden
Piano Rudolf Ibach Sohn #40082, geöffnet Piano Rudolf Ibach Sohn #40082, Wirbelfeld

Kurzcharakteristik

  • gehobenes deutsches Piano für das häusliche Musizieren und Üben um 1900.
  • Schlagstempel mit Produktionsnummer auf Mechanikblock oben links und an mehreren weiteren Stellen im Instrument;
  • weitere Nummer: 968 (Modellnummer?)
  • 3 Pedale, davon mittleres Pedal mit feststellbarem Moderator (Filzstreifen)
  • 7 Oktaven Umfang
  • Oberdämfung
  • Untertasten-Belag Elfenbein
  • Maße 66 cm T x 147 cm B x 130 cm H
  • Jugendstilmotiv in mittlerer Kassette; Kerzenleuchte in beiden äußeren Kassetten fehlen.
  • Zustand des Instrumentes: voll spielbar (Generalüberholung ca. 2000?)

Voreigentümer: Schenkung April 2012 Gisela Kümmerling, Köln.

Literatur: Hubert Henkel, Art. „Ibach Sohn, Rud.“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 276-280; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 10. Aufl. Frankfurt/Main 2005, S. 171 f.


Die Pedalklaviere der Sammlung Dohr

Grundsätzliches zum Pedalklavier

von Christoph Dohr

Pedalklavier (anonym?) im Schumann-Haus Zwickau, ohne Böcke und ohne Bank
  • Besaitete Tasteninstrumente wurden bereits früh immer wieder um Pedalklaviere ergänzt: So gibt es Pedal-Klavichorde, Pedal-Cembali, schließlich Pedal-Flügel und Pedal-Klaviere. Die Geschichte des Pedalklaviers (gleich welcher Tonerregungsform) ist weitgehend undokumentiert und unerforscht. Dies hat wohl damit zu tun, dass Pedalklaviere (etc.) in der Regel Pianinos (etc.) zu "häuslichen Übeorgeln ohne Kalkantenbedarf" ergänzt haben. In Kurzform lässt sich sagen: 1. Pedalklaviere dienten fast ausschließlich Übe- und nicht Konzertzwecken.
  • In den meisten Fällen sind Pedal-Klaviaturen in Einzelfertigung oder in sich über Jahrzehnte mit Modifikationen hinziehenden Kleinstserien (aktuell etwa das Pedalcembalo von J. C. Neupert) gefertigt worden. Lediglich bei den in der Sammlung Dohr befindlichen Instrumententypen der Berliner Klaviermanufakturen Wilhelm Hirl und Richard Neufeind hat eine kontinuierliche Serienfertigung stattgefunden. Die Fertigung fand statt in einer Hochzeit der Organistenausbildung und fand ihr Ende mit der flächendeckenden Verbreitung von Windmaschinen im Orgelbau.
  • Gerade an Schumanns Annäherung (siehe hierzu den nächsten Abschnitt) an das Pedalklavier lässt sich die zweite Verwendung des Instrumentes gut veranschaulichen: 2. Robert Schumann gehört zu den sehr wenigen Komponisten, die dem Pedalklavier eine klangliche Eigenwertigkeit abgewinnen konnten und ausdrücklich für dieses Instrument - und nicht für Orgel - komponierten. Auch Schumann interessierte sich für den Pedalflügel zunächst als Übeinstrument für das Orgelspiel, ließ sich aber bald zu eigenständigen Kompositionen für dieses Instrument inspirieren. Es verwundert, dass Schumanns besondere Beachtung des Pedalklaviers bzw. Pedalflügels nicht zu einem anhaltenden Interesse am Pedalklavier auch im Konzertbetrieb geführt hat, existieren doch mit seinen Opera 56, 58 und 60 drei bedeutende Werke eines berühmten Komponisten, die ausdrücklich für Pianoforte (Klavier/Flügel) zu zwei Händen [siehe Titeleien der ersten Gesamtausgabe durch Clara Schumann) mit Ergänzung eines Pedalklaviers komponiert worden sind.Unter diesem Gesichtspunkt kommt dem Pedal-Klavier ein ähnlicher Stellenwert zu wie dem Arpeggione.
  • Zu unterscheiden ist der Grad der mechanischen, konstruktiven, klanglichen Selbstständigkeit des Pedals. So gibt es - ähnlich wie bei Kleinorgeln - auch im Bereich der besaiteten Pedalklaviere solche, die als selbstständiges Instrument gebaut sind (eigene Spielmechanik, eigene Besaitung, eigene akustische Anlage), und solche, die "angehängt" sind (mittels Abstrakten, Wellenbrett, Fäden, Umlenkrollen ...) an ein Manual-Klavier. Im letzteren Fall wird eine (Zug-) Verbindung hergestellt zwischen einer Pedaltaste und je einer Manualtaste bzw. Anschlagsmechanik eines jeweiligen Tones des "Mutter"-Klaviers.
  • [Als kleiner Exkurs ist zu betonen, dass es keine (bzw. vernachlässigbar wenige) Kompositionen für (Orgel-) Pedalklaviatur solo gibt - derartige Stücke dienen zudem hauptsächlich der Übung des Pedalspiels mit Blick auf das perfekte Zusammenspiel zwischen Füßen und Händen. Die Stücke haben oft eher Etüden-Charakter denn künstlerischen Anspruch.]
  • Die beiden Pedalklaviere der Sammlung Dohr sind selbstständige Instrumente, die je unter ein aufgebocktes Pianino gerollt werden.
  • Die Systematik der Sammlung Dohr zählt die Pedalklaviere - trotz ihrer horizontalen Bauart - zu den aufrechten Klavieren, da es sich um musikalisch unselbstständige Ergänzungsinstrumente zu aufrechten Klavieren (Pianinos) handelt.

Exkurs: www.boesendorfer.com

Im April 2010 gab es im Brahms-Saal Wien eine Reihe von Konzerten auf historischem Instrumentarium. Als besondere Rarität wurde ein Bösendorfer-Pedalflügel - wahrscheinlich ein Unikat - aus dem Jahre 1874 vorgestellt. Das Instrument befindet sich im Eigentum der "Gesellschaft der Musikfreunde Wien". Die nachfolgenden Zitate stammen von der News-Seite von www.boesendorfer.com (Zugriff 02.06.2010):

"Wir wollen uns an dieser Stelle noch etwas ausführlicher mit dem "Zwitter-Instrument" Pedalkavier beschäftigen. Auch wenn das Instrument es nie zum Durchbruch geschafft hat, so war es zu seiner Zeit nicht nur bei Organisten beliebt - es ermöglichte an bitterkalten Tagen, die Orgelstücke im warmen Arbeitszimmer statt im kalten Kirchgemäuer zu üben oder überhaupt zu spielen, wenn kein Balgtreter zur Verfügung stand. Berühmte Komponisten wie Boely, Mendelssohnn, Gounod oder auch Schumann schrieben eigene Pedalklavier-Werke.

Im Frühjahr 1845 beschaffte sich Robert Schumann in Paris einen anderthalb Oktaven umspannenden Pedalsatz und baute damit seinen Hammerflügel zum Pedalklavier um. Frau Clara Schumann: "Der Zweck war uns hauptsächlich, für das Orgelspiel zu üben. Robert aber fand sehr bald ein höheres Interesse.". Entzückt von den "ganz wundervollen Effekten", die das neue Spiel-Zeug zuließ, hatte Schumann dafür zu komponieren begonnen. Unter anderem die drei berühmten Opera für Pedalflügel. [...]

Die Saiten, Hämmer etc. für die Pedalklaviatur befinden sich in dem am Boden liegenden Corpus.

Das Pedalklavier wurde zwar gerne als Orgelersatz insbesondere zum Üben verwendet; für viele Musiker war es aber mehr, nämlich ein selbständiges Instrument mit eigenem Klangwert. Auch wenn das Pedalklavier eine Rarität bleiben sollte, befassten sich immer wieder Musiker mit diesem Instrument und seinen besonderen Klangschöpfungen. Am bekanntesten in der Pedalklavierliteratur sind wohl die sechs Studien (op. 56) und vier Skizzen für Pedalflügel (op. 58) von Robert Schumann, die er so wie die sechs Fugen über BACH für Orgel oder Pedalflügel (op. 60) 1845 komponierte. Die ersten beiden Werke sind die einzigen bekannten Kompositionen, die nur für Pedalflügel geschrieben worden sind. - Auch Robert Schumanns Frau Clara spielte übrigens auf ihren Konzertreisen gerne auch am Pedalflügel."


1903 Pedalklavier Wilhelm Hirl Berlin

Wilhelm Hirl

Wilhelm Hirl gründete seine Pianofabrik wohl 1874 in Berlin; ab 1888 baute er Pianinos mit "selbstklingendem" (= selbstständigem) Pedalklavier. Hierfür erhielt er ein Patent (siehe nebenstehende Nachricht aus der Zeitschrift für Instrumentenbau 1889/90, S. 238; auf die klangliche Besonderheit, 1. und 2. Manual u.a. durch verschiedene Klangabstrahlungsrichtungen unterscheidbar zu machen, geht der kurze Artikel leider nicht ein; es ist nicht bekannt, ob ein derartiges Instrument erhalten ist.)

de Wit, Instrumentenbauzeitschrift 1889/90, S. 238: Bekanntmachung zu einem Doppel-Klavier mit Orgelpedal - eine Erfindung, die dem Hirlschen Pedalklavier vorausging.

Hirls Instrumente hatten in der Branche eine gewisse Prominenz oder Singularität, wie sich aus dem Hinweis bei Paul de Wit (Zeitschrift für Instrumentenbau Jg. 1912, s.u.) erschließen lässt.

Bis zu seinem Tode (1. Dezember 1905 in Berlin im Alter von 67 Jahren) und der sich anschließénden Auflösung seiner Firma wird Hirl in seiner Werkstatt etwa 250 Pedalklaviere hergestellt haben. Dies zeugt zum einen von einer gewissen Serienfertigung, zum anderen aber doch vom recht kleinen Markt für derartige Sonderkonstruktionen. So verwundert es nicht, dass lediglich einige wenige Pedalklaviere erhalten geblieben sind.

Die Pedalklaviere wurden mit Pianinos kombiniert, waren also eher für häusliches Musizieren und Üben und nicht (wie der oben erwähnte unikate Bösendorfer-Pedalflügel) für das öffentliche Konzertieren gedacht.

Wilhelm Hirl machte sich darüber hinaus einen Namen als Erbauer und Restaurator von Cembali. ("Um die Jahrhundertwende 1899 bis Anfang 1900 baut er als erster einen 'Bachflügel' [....]"; in: Hubert Henkel, Art. Hirl, Wilhelm [s.u.], S. 254; "In 1899 Wilhelm Hirl, a. Berlin piano maker, made the first copy of the pseudo-Bach harpsichord for a collector and connoisseur in The Hague. ..."; in: Howard Schott, The Harpsichord Revival, in: Early Music [1974], S. 85-96; "A rubber stamp indicates inside that in 1903 Wilhelm Hirl of Berlin made the last complete restoration of this beautiful instrument [...]"; in: Friedrich Ernst: Four Ruckers Harpsichords in Berlin; in: The Galpin Society Journal, Vol. 20, [März 1967], S. 63-75)

Die besondere Geschichte des Instrumentes #231 der Sammlung Dohr belegt dieses: Die durch handschriftlichen Eintrag auf dem Resonanzboden als Vor-Eigentümer belegte Firma Rütter in Leipzig war bezeichnenderweise direkte Nachbarin der Leipziger Hochschule für Musik (drei Häuser weiter = Grassistraße 8), das Pedalklavier wurde also vermutlich rege an Orgelstudenten ausgeliehen, die es nicht wenig traktierten - das Instrument weist sehr starke Abnutzung im Bereich der Pedalerie und der Leiste oberhalb der Halbtontasten auf - dort, wo ein Organist seine Füße zwischenzulagern pflegt. [Das Instrument wurde in den Jahren ca. 1940 bis 2010 nachweislich nicht gespielt, sondern in Pietät gegenüber dem Nicht-Kriegsheimkehrer aufbewahrt, s.u.]

Kurzcharakteristik / Materialsammlung

Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903, Schrägaufsicht Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903, Stempel Resonanzbodenunterseite
Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903, Mechanikdetail / Auslösung Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903, Seriennummer und Fertigungsdatum als Schlagstempel auf dem Stimmstock.
Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903 - Aufsicht ohne Abdeckungen Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903 - oberschlägige Mechanik
Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903, Schrägaufsicht Spielmechanik Pedalklavier Wilhelm Hirl 1903. Gussrahmen - Wirbelanordnung - Chörigkeit
  • Stempel auf Resonanzbodenunterseite und rechts auf Stimmstock, links und rechts je zwei ebenfalls gestempelte Plaketten: "Wilhelm Hirl / Pianoforte-Fabrikant / Spec. Pedalklaviere eigener Construction / Berlin SO / Manteuffel Strasse 31/2"; Handschriftlich darunter: "#231"; Zettel (ca. DIN A 5) daneben, mit Tusche beschriftet: "231"; Schlagstempel links auf Stimmstock: "231. 1.10.03."; mit Bleistift unter Stempel: "Mietinstrument der Firma Carl M. F. Rothe [Dank an Herrn Jan Großbach/FFM, für zur Dechiffrierung hilfreiche Informationen aus den "Weltadressbuch" 1929] / Leipzig, Grassistr. 14 / Nr. 31"; mit Kreide unter Bank: "231"
  • Dokument: Brief vom Vorbesitzer vom 02.06.2010: "Sehr geehrter Herr Dohr! / Ich nehme Bezug auf Ihren gestrigen Anruf und kann noch folgende Angaben zu dem Pedal-Klavier machen: / Im Kassenbuch meines Vaters ist am 4. Febr. 1938 eingetragen: Von Chr. Wüst, Musiklehrer in Sinsheim 1 Klavier mit Pedalklavier gekauft zu 400,-- RM. Für den Transport kamen noch 8,-- RM hinzu. Als Hersteller ist auf dem Klavier [...] vermerkt: / G. Schwechten, Hof-Piano-Forte-Fabrikant, Berlin. [...] / Am 19. Febr. 2938 hat mein Vater unser vorheriges Klavier zu 240,-- RM an eine Familie im Nachbarort Zuzenhausen verkauft. / Weitere schriftliche Unterlagen haben wir nicht mehr. [...]."
  • Notabene: Das Pedalklavier von Wilhelm Hirl ist bisher das einzige besaitete Tasteninstrument in der Sammlung Dohr, das sein Fertigungsdatum taggenau durch Eintrag im Instrument preisgibt und zusätzlich bzw. gleichzeitig über eine Seriennummer verfügt.
  • "liegendes" Pedal-Klavier (bei de Wit [1912] als "Hirl'sches selbstklingendes Orgelpedal" bezeichnet) als Unterbau unter ein aufrechtes, aufgestelltes Pia[ni]no. Das Instrument ist extrem kompakt gebaut, nimmt es doch nicht mehr Platz in Anspruch, als Bank und Pedalklaviatur sowieso beanspruchen.
  • Gehäuse-Aufbau: Korpuskonstruktion als oben offene, teilverschlossene Wanne; Kopfseite und vorne oben durch L-förmige massive Abdeckung geschlossen (verschraubt); auf dieser Abdeckung befindet sich die hölzerne, ungepolsterte Sitzbank, deren Kippsicherheit durch schwalbenschwanzförmige Führungsleisten hergestellt wird; Instrumentenende (im spielfertigten Zustand unterhalb des Pedalklaviers) durch Holzrahmen mit Mittelsteg, Träger einer textilen Bespannung, verschlossen: zwischen hinterer und vorderer Abdeckung befindet sich ein lose eingelegtes, verschiebbares Brett, das den Spielerfüßen als Ablage dient, wenn das Pedalklavier nicht benutzt wird. Das aufrechte, aufzustellende Piano steht nicht unmittelbar mit seinem Gewicht auf dem Pedalklavier, sondern ruht auf zwei Böcken, die links und rechts das Pedalklavier umfangen (siehe Foto bei Neufeind)
  • Maße
    • 128 cm breit,
    • 126,5 cm lang
    • 25 cm hoch (hinten, mit Abdeckung, jedoch ohne die vier Walzenrollen am Instrumentenboden, die in den Boden teilversenkt sind, gemessen).
  • parallele, ebene Pedal-Klaviatur (also nicht strahlenförmig, nicht konkav), stark abgespielt. Die Tasten sind vorne drehend beweglich gelagert und werden durch Federn an ihrem hinteren Ende nach oben gedrückt.
  • keine "Veränderung" (Moderatur / Dämpfungsaufhebung / etc.)
  • einfach gehaltener Gussrahmen mit drei Spreizen (links, rechts, mittig)
  • Anhangsteg hinten, Klangsteg vorne, Wirbel vorne tonweise gruppiert (1/2/3), Tonbuchstaben mittels Schlagstempel auf Stimmstock vor dem jeweils vordersten Wirel eingeschlagen.
  • oberschlägige Mechanik mit einfacher Auslösung nach englischem Vorbil, wohl 1888 patentierte Mechanik,am hinteren Ende der Tasten, Hammerköpfe vom Spieler wegzeigend
  • Ambitus/Bezug: C-f1 = 30 Tasten = 2 1/2 Oktaven
    • C-H [elf Töne] = einchöriger Bezug, umsponnen (die tiefsten Saiten doppelt umsponnen)
    • c-cis1 [15 Töne] = zweichöriger Bezug, umsponnen
    • d1-f1 [vier Töne] = dreichöriger Bezug, blank
  • Mensur:
    • C = 1052 mm
    • f1 = 892 mm
    • Ergebnis: Differenz zwischen längster Saite im Bass und kürzester Saite im Diskant (=2 1/2 Oktvaven) lediglich ca. 16 cm, Mensurberechnung also weit entfernt von dem im Klavierbau üblichen Reglement.
    • gerader Steg
    • Bezug leicht strahlenförmig
    • Lage der Saiten streng an den Tasten orientiert, d.h. Spatien je zwischen h/c und e/f

Voreigentümer: (laut Bleistiftnotiz, s.o.) Klavierhandlung M. F. C. Rothe, Leipzig [als Mietinstrument im Einsatz]; (vorletzter) Chr. Wüst, Musiklehrer in Sinsheim bei Heidelberg; (letzter) Privatbesitz Fam. Welker in Meckesheim bei Heidelberg. Das Instrument war 1938 gebraucht gekauft worden, damit der Bruder des Verkäufers daheim Orgelliteratur pedaliter üben konnte. Der Bruder wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eingezogen; das Instrument wurde zur Einnerung an den nicht Heimgekehrten bis 2010 (Räumung des Hauses aus Altersgründen) aufbewahrt.

Literatur: Paul de Wit: Welt-Adreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie, Leipzig 1912; Hubert Henkel, Art. „Hirl, Wilhelm“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 253f.; Martin Schmeding: Der Pedalflügel - instrumentale Revolution oder Sackgasse der musikalischen Evolution? Zum 200. Geburtstag von Robert Schumann. in: Ars Organi, 58. Jg. (2010), S. 139-145..


1910 (ca.) Pedalklavier Richard Neufeind Berlin

Pedalklavier R. Neufeind. Totale von schräg rechts oben Pedalklavier R. Neufeind. Totale von vorne
Pedalklavier R. Neufeind. Prägeschild Korpus vorne Pedalklavier R. Neufeind. Vorderseite
Pedalklavier R. Neufeind. Spielmechanik-Seite Pedalklavier R. Neufeind: oberschlägige Spielmechanik
Pedalklavier R. Neufeind. Mechanik. Die Feder zieht die Pedaltaste in Ausgangsstellung nach oben. Die Ösenschraube dient der Justierung der einfachen Auslösung. Pedalklavier R. Neufeind. Draufsicht. unten rechts der Moderaturzug (links von Hammerköpfen im Bild)

Beschreibung

  • "liegendes" Pedal-Klavier (bei de Wit [1912] als "Hirl'sches selbstklingendes Orgelpedal" bezeichnet) als Unterbau unter ein aufrechtes, aufgebocktes Pia[ni]no. Das Pedalklavier ist extrem kompakt gebaut, nimmt es doch nicht mehr Platz in Anspruch, als Bank und Pedalklaviatur sowieso beanspruchen.
  • Gehäuse-Aufbau: als oben offene und wieder teilverschlossene Wanne; Kopfseite und vorne oben durch L-förmige massive Abdeckung geschlossen (verschraubt); auf dieser Abdeckung befindet sich die Sitzbank (derzeit mit nicht-originalem Kunstlederbezug), deren Kippsicherheit durch schwalbenschwanzförmige Führungsleisten hergestellt wird; Instrumentenende (im spielfertigten Zustand unterhalb des Pedalklaviers) durch Holzrahmen mit Mittelsteg, Träger einer textilen Bespannung, verschlossen: zwischen hinterer und vorderer Abdeckung befindet sich ein lose eingelegtes, verschiebbares Brett, das den Spielerfüßen als Ablage dient, wenn das Pedalklavier nicht benutzt wird. Das aufrechte, aufzustellende Piano steht nicht unmittelbar mit seinem Gewicht auf dem Pedalklavier, sondern ruht auf zwei Böcken, die links und rechts das Pedalklavier umfangen (siehe Foto)
  • Signierung: geprägte Blechplakette auf Instrumentenvorderseite, Schriftzug links und rechts flankiert von je fünf reproduzierten Medaillen-Seiten: "R. Neufeind / Berlin S.W. Friedrichstr. 215" [nach Henkel ist dieses Instrument demnach zwischen 1909 und 1929 entstanden, da Neufeind in diesen zwei Jahrzehnten unter dieser Adresse firmierte]; Schriftzug je ober- und unterhalb der Plaketten-Gruppen: "Goldene Medaillen / Wien Berlin Musikfachausstellung"; eine der reproduzierten Medaillen datiert "Berlin Mai 1906" [Henkel, Art. "Neufeind, Richard", s.u., ist die Teilnahme an der Ausstellung, nicht hingegen diese Auszeichnung bekannt].
  • Maße: 128 cm breit, 130 cm lang, 30 cm hoch.
  • parallele, ebene Pedal-Klaviatur (also nicht strahlenförmig, nicht konkav). Die Tasten sind vorne drehend beweglich gelagert und werden durch Stabfedern an ihrem hinteren Ende nach oben gezogen; am hinteren Ende der Tasten sitzt auch die Spielmechanik
  • Gegenüber Hirl deutlich selbstständig weiterentwickelte, ebenfalls oberschlägige Mechanik.
  • Ambitus: C-f1 = 30 Tasten = 2 1/2 Oktaven
    • C-B [10 Töne] = einchöriger Bezug, umsponnen
    • H-cis1 [16 Töne] = zweichöriger Bezug, umsponnen
    • d1-f1 [4 Töne] = dreichöriger Bezug, blank
  • Bezug parallel, leicht strahlenförmig, nicht kreuzsaitig
  • Mensur:
    • C = xxxx mm
    • f1 = xxx mm
    • Ergebnis: Differenz zwischen längster Saite im Bass und kürzester Saite im Diskant lediglich ca. 10 cm, Mensurberechnung also weit entfernt von dem im Klavierbau üblichen Reglement.
    • gerader Steg
    • Bezug leicht strahlenförmig
    • Lage der Saiten streng an den Tasten orientiert, d.h. Spatien je zwischen h/c und e/f
  • Mensur: klingende Länge ca. 100 bis 110 cm.
  • einfacher Gussrahmen mit Mittelspreize; Name auf Gussrahmen vorne (d.i. unterhalb der Sitzbank des Spielers): "R.NEUFEIND.30" ["30" wohl für 30 Pedaltöne/-tasten stehend]; Stimmwirbel vorne, gerader Klangsteg vorne.
  • oberschlägige, patentierte Mechanik (Patent Nr. 205198 vom 7. Juli 1907 auf eine abwärts schlagende Mechanik für Pedalklaviere), hinten im Instrument, Hammerköpfe vom Spieler wegzeigend
  • Veränderung: Moderator (Schiebeschalter links im Pedalraum): schiebt Filzstreifen zwischen Hammerköpfe und Bezug; kein Dämpferaufhebungspedal.

Voreigentümer: Privatbesitz Bamberg; über den Bamberger Instrumentenhandel angekauft.

Literatur: Paul de Wit: Welt-Adreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie, Leipzig 1912; Hubert Henkel, Art. „Neufeind, Richard“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 435f.

Pedalklavier R. Neufeind. Totale.

Alle Fotos (© Christoph Dohr ) zeigen das Instrument im unrestaurierten Zustand, im Augenblick des Ankaufs, bei Ankunft in der Werkstatt von J. C. Neupert Bamberg.

Pedalklavier R. Neufeind. Einer der beiden Böcke, auf denen das aufrechte Piano zu stehen kommt. Pedalklavier R. Neufeind. Detail der Mechanik.


1910 (ca.) "Theinola" von Otto Thein, Bremen-Hamburg

Theinola ca. 1910, Front entfernt, Totale Theinola, ca. 1910, Pedale für Selbstspieler-Antrieb ausgeklappt, Gehäusefront entfernt
Theinola, Bremen ca. 1910: in Bildmitte, am Ende des Tastenhebels, die Betätigungsstange des Selbstspiel-Anschlags Theinola, ca. 1910, Abspielvorrichtung; in der Mitte der Gleitbock mit 67 Lufteinlassschlitzen, die durch die unten eingelegte Notenrolle geschlossen werden. Jedes Loch in der Rolle löst eine Funktion aus. Oben die Rolle zur Aufwicklung des abgespielten Teils der Rolle. Rechts Teil der Antriebsmechanik sichtbar.
"Theinola", ca. 1910. Totale eines Tastenhebels mit Zusatzhebelglied hinten (im Bild links); zusätzlich im Bild auffallend die Bleiröhrchen, die vom Gleitblock zu den pneumatischen Bälgen führen. "Theinola", ca. 1910: Ende des Tastenhebels, Detail mit Hebel für Aufnahme der Bestätigungsstange der Selbstspielmechanik

Kurzcharakteristik

  • sowohl "per Hand" wie auch "per Selbstspieler" spielendes aufrechtes Klavier; derzeit einziges online nachweisbares Instrument mit dieser Benennung dieses Herstellers.
  • Name auf Klaviatur-Deckel innen: "THEINOLA". Namen reliefiert auf Gussplatte oben rechts: "Otto Thein Bremen - Hamburg". Buchstabe auf Gussplatte links: "A"; drei Eintragungen (467 / L467 /R467) auf der nicht sichtbaren Seite der Klaviaturklappenhalterung und deren klavierbackenseitigen Führungshölzern; keine Instrumenten-Seriennummer sichtbar; Herstellerangabe am 2. Hebel von Rechts der Steuerungseinheit des Selbstspielers: "Melodant".
  • Die ungefähre Datierung des Instrumentes erfolgt aufgrund des Eintwicklungstyps des eingebauten Selbstspielers.
  • Marc Widuch zur instrumentenbaugeschichtlichen Einordnung (E-Mail vom 08.09.2012): "Das ist ja schön, dass Sie nun auch ein Pianola in Ihren Räumen haben. Fast alle Klavierhersteller haben damals zumindest in kleinsten Stückzahlen ein -ianola angeboten, um am enormen Marktbedarf um 1910 Teil zu haben – oder zumindest nicht als rückschrittlich zu wirken. Die -ianola waren eigentlich immer Aeolian Einbauten (so wie bei Ibachiola, etc.) – also hier die 65er Skala mit Themodist. Wenn die Hersteller den Instrumenten ihre eigenen Markennamen gaben (wie bei Theinola), durftn sie auch andere Bezeichnungen für Themodist – also hier Melodant- verwenden. Es passen alle Standard 65er Rollen – die Melodant Rollen waren nur wieder eine Namensvariante."
  • Selbstspieler: System "Melodant" (identisch mit System "Themodist" von "Aeolian Pianola") mit 65 anspielbaren Tönen (A1 bis cis4) und 67 Spuren ("Themodist" erfunden 1900, im Markt wohl erst ab ca. 1906; diente der Hervorhebung von Tönen: "it helped to distinguish the themes"; "Melodant" seit 1907 im Markt); entwicklungsgeschichtlich ist dieser Typ von Selbstspieler der zweitniedrigste Entwicklungsstand (das "Aeolian Pianola" System wurde seit ca. 1897 zunächst ohne "Themodist", also mit 65 Spuren, produziert) und wurde rasch von Systemen, die mehr Spuren zur Darstellung weiterer musikalischer, interpretativer Parameter besitzen, abgelöst.
  • Rollenbreite 286 mm.
  • Funktionsweise ausklappbare Pedale nach Art von Harmonium-Instrumenten erzeugen einen Unterdruck, durch den zum einen die Mechanik zum Antrieb der gelochten Notenrolle angetrieben wird, zum anderen der Klavieranschlag ausgelöst wird: Im "nichtspielenden" Ruhezustand verschließt das Band der Notenrolle alle 67 Löcher; ein Loch im Notenrollenband lässt an entsprechender Stelle den Unterdruck zusammenbrechen und Luft einströmen, wodurch der Anschlag ausgelöst wird.
  • Die Art der Mechanik mittels einer Hebelwippe am hinteren Ende eines jeden Tastenhebels (also überflüssigerweise auch derjenigen Tastenhebel, die außerhalb der 65 Töne des Selbstspielbereichs liegen) sorgt dafür, dass im Selbstspielmodus die Klaviertasten nicht "wie von unsichtbarer Hand" mitbewegt werden, sondern ruhig bleiben.
  • Maße: 153 cm breit [inkl. Deckel], 74 cm tief, 132 cm hoch (inkl. Rollen).
  • Ambitus: 7 Oktaven = 85 Tasten = A2 bis a4
    • x-x = einchöriger Bezug, umsponnen
    • x-x = zweichöriger Bezug, umsponnen
    • x-x = zweichöriger Bezug, blank
  • Bezug kreuzsaitig, Gussrahmen; Instrument im Vergleich zum "normalen" Pianino erheblich größer und viel schwerer.
  • für "Handspielbetrieb" zwei Pedale: rechts Dämpfungsaufhebungspedal ("Forte"), links Moderator ("Piano"; bewirkt eine Verringerung des Anschlagsweges).
  • Selbstspieler wird durch sechs Hebel gesteuert (der "Steuermann" dieser Hebel hieß "Pianolist" - zur Abgrenzung vom "Pianisten"), im geschlossenen Zustand verborgen hinter einer nach vorne abklappbaren Leiste im Bereich des Schlüssellochs, vor der Klaviatur, zur Steuerung der Instrumentenfunktionen: (3) Hebel links [Funktionen noch unbekannt]; (3) Hebel rechts (v.l.): Tempo, Melodant, Rollenrückspulung.
  • Marc Widuch (München) zur instrumentenbaugeschichtlichen Einordnung (E-Mail vom 08.09.2012): "Das ist ja schön, dass Sie nun auch ein Pianola in Ihren Räumen haben. Fast alle Klavierhersteller haben damals zumindest in kleinsten Stückzahlen ein -ianola angeboten, um am enormen Marktbedarf um 1910 Teil zu haben – oder zumindest nicht als rückschrittlich zu wirken. Die -ianola waren eigentlich immer Aeolian Einbauten (so wie bei Ibachiola, etc.) – also hier die 65er Skala mit Themodist. Wenn die Hersteller den Instrumenten ihre eigenen Markennamen gaben (wie bei Theinola), durften sie auch andere Bezeichnungen für Themodist – also hier Melodant – verwenden. Es passen alle Standard-65er-Rollen – die Melodant-Rollen waren nur wieder eine Namensvariante."

Zustand: unrestaurierter Originalzustand.

Voreigentümer: Privatbesitz Hamburg (Schenkung Ursel Meisner, August 2012)

Literatur: Paul de Wit: Welt-Adreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie, Leipzig; Hubert Henkel, Art. „Thein, Otto“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 646-648. Jan Großbach: Atlas der Pianonummern. 10. aktualisierte und erweiterte Auflage. Frankfurt: PPV-Medien Gmbh Edition Bochinski 2005, S. 235 f.; Herbert Jüttemann: Mechanische Musikinstrumente. Einführung in Technik und Geschichte. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. Köln: Dohr 2010, S. 249-276.


1935 Kleinklavier "Pianochord" Theodor Mannborg, Leipzig, # 53257

Kurzcharakteristik

  • kleines deutsches Kleinklavier für das häusliche Musizieren und Üben.
  • Stempel mit Produktionsnummer auf Resonanzbodenrückseite oben rechts (von hinten gesehen)
  • weitere Nummer im Gussrahmen oben links: 7xx (vielleicht laufende Nummer der Pianochord-Fertigung)
  • Theodor Mannborg gründete 1889 eine Harmonium-Fabrik, die 1894 nach Leipzig umsiedelte. "Erst ab Oktover 1934 wird das >Pianochord<, ein kleines Pianino, gebaut" [Henkel, a.a.O.]. In den 1930er Jahren verließen pro Jahr mehr als 1000 Instrumente (die Harmoniums eingeschlossen) das Werk. Direkt nach dem zweiten Weltkrieg werden neue, weitere Kleinklaviere vorgestellt.
  • Zustand des Instrumentes: Mechanik bei mehreren Tönen defekt.

Voreigentümer: Schenkung Juni 2012 Olaf Jacobsen, Köln u. Karlsruhe.

Literatur: Hubert Henkel, Art. „Mannborg, Theodor“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 398; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 10. Aufl. Frankfurt/Main 2005, S. 220 f.

DohrCompactDiscs
mit Instrumenten der Sammlung Dohr

aktualisiert Samstag, 22. März 2014 updated
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