Oliver Drechsel konzertiert in Haus Eller


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Die Hammerflügel der Sammlung Dohr, Köln

beschrieben von Christoph Dohr

  1. 1796 Hammerflügel J. J. Könnicke [Kopie J.C. Neupert]
  2. 1820 (ca.) Hammerflügel William Stodart (London)
  3. 1825 (ca.) Hammerflügel Christian Erdmann Rancke (Riga)
  4. 1830 (ca.) Hammerflügel Anton Biber (Nürnberg)
  5. 1830 (ca.) Hammerflügel Joseph Baumgartner (München)
  6. 1841 (ca.) Hammerflügel Conrad Graf (Wien)
  7. 1861 Konzertflügel Johann Baptist Streicher & Sohn (Wien)
  8. 1865 Salonflügel Kirkman & Son (London)
  9. 1865 Konzertflügel John Broadwood & Sons (London)
  10. 1868 Konzertflügel Theodor Stöcker (Berlin)
  11. 1877 Salonflügel Pleyel & Wolff (Paris)
  12. 1894 Salonflügel Pleyel (Paris)
  13. 1897 Großer Salonflügel mit Strahlenklaviatur Rudolf Ibach (Schwelm)
  14. 1909 Stutzflügel Bösendorfer (Wien)
  15. 1977 Hammerspinet Steen Nielsen (Kopenhagen/Dänemark)

Sieben Hammerflügel der nachfolgenden Liste - zudem vier Tafelklaviere der Sammlung Dohr - stammen aus der großen, seit Beginn des Jahrhunderts in Auflösung befindlichen Sammlung von Prof. Dr. Martin Rullfs, Heppenheim. Das von ihm geplante Pianomuseum konnte aus Altersgründen nicht mehr realisiert werden.

Beschreibung der Instrumente


[1796 Hammerflügel von Johann Jakob Könnicke]
[Kopie J. C. Neupert 2007]

ausführliche Beschreibung: siehe Sonderseite Kopien/1796


2. 1820 (ca.) Hammerflügel William Stodart (London)

Kurzcharakteristik: Eine Rarität – und derzeit der älteste bekannte erhaltene, vielleicht einzige noch existente sechseinhalboktavige (C1 bis f4) Stodart-Flügel mit senkrechter Tastenvorderklappe. Besonderheit: der von Stodart erfundene und patentierte „compensation frame“: Die Saitenspannung wird von einem Rahmen aus Messing- (im Bereich der Messing-Basssaiten) und Eisen-Röhren (im übrigen Bereich) aufgenommen, so dass das hölzerne Korpus vom Saitenzug komplett entlastet wurde und die Rasten auf ein Minimum reduziert sind. Der „compensation frame“ ist leicht, und so hat dieser Hammerflügel das Gewicht eines Cembalos! Die Hammerköpfe haben den originalen, vier- bis fünffachen Lederbezug. Das Instrument ist derzeit unrestauriert. Die entscheidende Original-Substanz ist allerdings vorhanden.

Voreigentümer: Sammlung Prof. Dr. Rullfs, Heppenheim

Literatur: Art. Beledern, in: Schilling (Hg.), Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, oder Universal-Lexicon der Tonkunst. Erster Band. Stuttgart: Franz Heinrich Köhler 1835, S. 535-537; W. Pole, Musical Instruments in the Great Exhibition of 1851, London 1851, S. xx; Oscar Paul, Geschichte des Claviers, Leipzig 1868, S. 119-121, 125-127 (hier ausführliche Klang-Beschreibung), S. 159; Art. „Pianoforte“, in: Mendel/Reissmann, Musikalisches Conversations-Lexikon, Bd. 8 (1877), S. 85-91, hier S. 91); Edgar Brinsmead : The History of the Pianoforte, London 1889, S. 128f. u. S. 202 (wichtige Funktionsbeschreibung); Blüthner/Gretschel, Der Pianofortebau, 4. Aufl. Leipzig 1921, S. 29-31.; Alfred Dolge, Pianos and their makers, 1911, Reprint New York 1972, S. 69; Alfred J. Hipkins: A Description and History of the Pianoforte, London 1929, S. 16; Rosamond E. M. Harding, The Piano-forte: its History, Traced to the Great Exhibition op. 1851, Cambridge 1932, S. xx; Kenneth van Barthold und David Buckton: The Story of the Piano. London: British Broadcasting Corporation 1975., S. 46 u. Abb. nach S. 64; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 288f.; Dominic Gill (Hg.): Das große Buch vom Klavier, Freiburg u.a. 1983, S. 33 (Abb. eines jüngeren Instrumentes ohne eingezogene Klaviatur; identische Bauart); Margaret Cranmer: Art. „Stodart“, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 6. Aufl. 1985, Vol. 18, S. 163; Rosamond E. M. Harding, Art. “Pianoforte §1,6: England and France, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 6. Aufl. 1985, Vol. 14, S. 697-702; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano 1700-1820, Oxford 1993, S. 284-289; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 289; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 360-364.


3. 1825 (ca.) Hammerflügel Christian Erdmann Rancke (Riga)

Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Gesamtsicht

Die drei oberen Fotos rechts und das Foto unterhalb dieser Legende zeigen das Instrument vor, die übrigen nach der Restaurierung.
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - geschlossen
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Namensschild
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Front von oben Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Deckelbeschlag
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Namensschild Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Vordertastenplättchen

Kurzcharakteristik: Dieses Instrument des Schubert-Zeitgenossen Chr. E. Rancke ist derzeit das einzig bekannte Opus des Rigaer Instrumentenbauers und damit ein Unikat. Das Instrument (F1-g4 = sechs Oktaven + 1 Sekunde) lässt sich auf ca. 1820 datieren und stellt eine Kopie eines englischen Hammmerflügels nach Broadwoodscher Bauart – allerdings mit Verschiebung des Tonumfanges auf kontinentale Ansprüche – dar. Das Instrument brilliert durch seine kunsthandwerklichen Qualitäten, aber auch durch seinen Klang. Für die Sammlung Dohr konnte der Rancke-Hammerflügel aus Ersthand, von einer 1918 emigrierten Familie der Rigaer Oberschicht des 19. Jahrhunderts, erworben werden. Das ursprünglich spreizenlose Instrument erhielt 1918 bei einer ersten Restaurierung drei Spreizen, um den zugleich aufgebrachten stärkeren Bezug tragen zu können. 2002 Restaurierung durch  J.C. Neupert Bamberg. 2003 im Mittelpunkt des "Rinck-Festes Köln 2003“.

Langtext: Bei diesem Instrument handelt es sich um einen Hammerflügel aus der Werkstatt eines bisher gänzlich unbekannten Klavierbauers, Christian Erdmann Rancke aus Riga. Seine Lebensdaten sind beinahe diejenigen Franz Schuberts (1796-1828): Im September 1795 wird C. E. Rancke in Riga geboren; Großvater und Urgroßvater waren gefragte Tischler, Großvater Erdmann Rancke errichtete die Contius-Orgel in der ref. Kirche Riga. Christian Erdmann Rancke starb Anfang Mai 1827 im Alter von 31 Jahren und neun Monaten.

Ranckes undatierter Hammerflügel entspricht dem Typ der Broadwoodschen Hammerflügel aus der Mitte der 1810er Jahre: Er besitzt eine Länge von ca. 225 cm, hat sechs Oktaven und eine Sekunde (F1 bis g4) Umfang und eine englische Mechanik mit einfacher Auslösung. Die Dämpfung ist in den Bass- und den Diskantbereich geteilt; in vielen Details schlägt noch die Abstammung vom Cembalo durch: senkrechter Tastaturvorderdeckel, geschlossener Instrumentenboden, "Dockenleiste" als Begrenzung der vertikalen Dämpferbewegung.

In anderen Punkten zeigt der Hammerflügel, dass er nicht nur gut klingen, sondern auch gut aussehen sollte und damit schon zur Entstehungszeit von einigem Wert war: massive Ebenholz-Obertasten ragen aus mit Elfenbein belegten Untertasten hervor; edle Messingbeschläge mit allegorischem, als Halbrelief gearbeitetem Motiv halten den Deckel geschlossen. Der Korpus ist mit ausgesuchtem Pyramiden-Mahagoni-Furnier, durchzogen von hellen Ahornadern, belegt, das auf dem Tastenvorderdeckel zu einem attraktiven achsensymmetrischen Bild komponiert wurde. Im Klaviaturraum kontrastiert leuchtend grünes Rosenholz mit dem Mahagoni. Im Inneren des Instrumentes wird wiederholt Vogelaugenahorn-Furnier verwendet. Das filigrane Notenpult lässt sich durch einen raffinierten Mechanismus in der Höhe verstellen.

Der Hammerflügel von Christian Erdmann Rancke ist ein Dokument des typischen englischen Klangideals zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Hier zeigt sich, wie die Handelsströme (und damit die Modetrends, denen das reiche obere Bürgertum Rigas folgte) der alten, 1201 von deutschen Kaufleuten mit Lübecker Stadtrecht gegründeten Hansestadt verliefen.

Der Hammerflügel wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit um das Jahr 1820 von Christian Erdmann Rancke in Riga erbaut; das Instrument konnte im Jahre 2000 von einer aus Riga stammenden und 1918 mit dem Instrument nach München emigrierten Familie "aus Ersthand" für die Sammlung Dohr erworben werden. Die Werkstätten für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert Bamberg restaurierten den Hammerflügel unter Wahrung der fast vollständig erhaltenen Originalsubstanz konzerttauglich. Die Restauration stellt bestmöglich den Willen des Erbauers wieder her.

Ein Eingriff vielleicht aus dem Jahre 1918, der die Statik des Instrumentes nach Aufbringung moderner, stärkeren Zug verursachender Klaviersaiten durch zusätzliche drei Spreizen statisch sichern sollte und das Instrument baugeschichtlich auf den ersten Blick zwei Jahrzehnte jünger aussehen lässt, wurde nicht rückgebaut.

Voreigentümer: Privatbesitz, München-Schwabing

Literatur: Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 241 (?: Ranke); Christoph Dohr, Christian Erdmann Rancke und sein Hammerflügel, Köln 2003 (mit ausführlicher Instrumentenbeschreibung und 29 farb. Abb.); weiteres Archivmaterial in der Slg. Dohr.

Tonträger: DCD018: Johann Christian Heinrich Rinck, Das Klavierwerk Vol. 1 (Oliver Drechsel; 2002); DCD019: Johann Christian Heinrich Rinck, Das Klavierwerk Vol. 2 (Oliver Drechsel, Egino Klepper; 2003); DCD024: Johann Wilhelm Wilms, Werke für Klavier solo (Oliver Drechsel; 2004).


4. 1830 (ca.) Hammerflügel Anton Biber (Nürnberg)

Hammerflügel Anton Biber 1830 - Gesamtsicht Hammerflügel Anton Biber 1830 - Klaviaturraum
Hammerflügel Anton Biber 1830 - akustische Anlage Hammerflügel Anton Biber 1830 - geschlossen

Kurzcharakteristik: prachtvolles, reich dekoriertes Instrument, gebaut auf dem Höhepunkt der "Effektenregister" / Veränderungen; ganz überwiegend original erhalten. Der Flügel befindet sich in konzertmäßig spielbarem Zustand (Restauration J. C. Neupert Bamberg 1998, im Besitz des Voreigentümer von August 1998 bis zu dessen Tod 2008).

Anton Dominikus Biber (1797-1863) stammt aus Ellingen. Er ist Sohn von Andreas Biber (1755-1830), der nach seinen Wanderjahren - zuletzt arbeitete er drei Jahre in der berühmten Klavierfabrik von Broadwood in London - hierher zurückgekehrt war, und älterer Bruder von Aloys Biber (1804-1858), der in München ebenfalls als Klavierbauer arbeitete. In der Werkstatt des Vaters hatte Anton "die Schreinerprofession und vorzüglich die Verfertigung musikalischer Instrumente" erlernt. Später arbeitete er drei Jahre in Wien und eineinhalb Jahre in München. Schließlich ließ er sich 1823 in Fürth nieder. Ein Jahr später bemühte sich Anton Biber um die Genehmigung, sich als Instrumentenbauer in Nürnberg niederzulassen. Die befragten Nürnberger Instrumentenbauer erhoben "in Anbetracht der Nähe beider Städte" keinen Einwand, un so wurde Biber am 28. Juni 1824 als Bürger in Nürnberg aufgenommen.

Binnen weniger Jahre gelang es Biber, die führende Rolle unter den Nürnberger Instrumentenbauern einzunehmen. Seine Klaviere waren auf Ausstellungen beachtet und seine Leistung als Instrumentenbauer wurde anerkannt. So nimmt es nicht wunder, dass Bibers Werkstätte zeitweise einem handwerklichen Großbetrieb glich (nach Wohnhaas, siehe Literatur).

  • Signatur in rautenförmigem Feld auf Milchglas über Klaviatur (auf Kämpfer)
  • Länge: 240 cm; Breite: 124 cm
  • Korpus in lebhaftem deutschen Nussbaum furniert, poliert; Innenwände Ahorn furniert; lange Wand und Diskantwand vorne mit einziehenden Rundungen; Messingzierwerk auf Schlossleiste, Namensleiste, Innenwänden links und rechts über der Klaviatur (spiegelbildlich gegossene Fabelwesen), Dämpferkasten, auf Vorderrundungen lange Wand und Diskantwand. Wandhöhe 352 mm, -stärke 19 mm. Unterboden Fichte, Jahre laufen parallel zur langen Wand.
  • Deckel aufgeteilt in Hinter- und Vorderdeckel (58 cm breit) mit angeschlagener Klappe, Deckelstärke 17 mm, Deckelstütze am Innendeckel befestigt, Innendeckel Ahorn furniert.
  • Fußgestell 3 Säulenfüße (Nussbaum, nach oben leicht konisch verjüngt), mit vergoldeten Zierringen; unter Füßen jeweils quadratischer Klotz; Verbindungsbrett zwischen Vorderfüßen zur Befestigung von sechs Pedalen, diese auf Zug (mittels Verbindungsdraht) wirkend; auf Verbindungsbrett vergoldeter sitzender Apoll mit Lyra.
  • Resonanzboden Fichte, Jahre laufen parallel zur langen Wand, liegt nirgends auf Damm auf; starke Berippung. Rippen unter Steg ausgeschnitten; an langer Wand Zierleiste aufgeleimt, Breite 20 mm, mit rechteckigem Querschnitt. Zierleiste am hinteren Ende auf 270 mm Länge freigeschnitten ("getunnelt") für freiere Schwingung des Resonanzbodens.
  • Klaviatur: Umfang F1 bis f4 (sechs Oktaven, 73 Tasten); Stichmaß 475 mm; Untertasten Bein, Vordertastenlänge 42,5 mm; Stirnplättchen Bein; Obertasten schwarz lackiert (Holzart nicht bestimmbar), Länge 104 mm. Vorderstiftenführung mit Ledergarnierung; Waagbalken ungarniert mit Bäckchen. Klaviaturbacken schwarz, Breite Bass 32 mm, Diskant 40 mm; schwarze Zierleiste über Klaviatur am hinteren Ende des Tastenbelages.
  • Klaviaturrahmen aus Nadelholz mit Buchenaufdoppelung, Breite 70 mm; vordere Rahmenleiste auf Höhe 68 verstärkt (Schlittenfunktion): Rahmen läuft am hinteren Ende des Klaviaturrahmens auf dreieckige Klötzchen auf.
  • Mechanik: Wiener Mechanik (Prellzungenmechanik) mit Metallkapseln; Fängerleiste fehlt [ursprünglich vorhanden]; Auslöser mit Schraubregulierung; Hammerstiellänge Bass 100mm, Diskant 88 mm; Hammerkopf Länge/Dicke 48mmx11mm (Bass), 51mmx1mm (Diskant); mit belederten Hammerköpfen, Hammerkopfbeschichtung Bass: vier Unterleder, ein Oberleder; Diskant: zwei Unterleder, ein Oberleder.
  • Dämpfung: Stiefeldämpfung ("Wiener Kastendämpfung"). Dämpferabhebung: Draht mit belederter Puppe; Stiefel am unteren Ende mit Lederschlaufen geführt. Filzkeile von F1 bis e1, dann Filzpüschel (Dämpferfilze nicht original)
  • 6 Pedale (von links: Verschiebung [aufgrund der durchgängigen Dreichörigkeit "echtes" una corda möglich], Fagott [seidengarnierte Leiste senkt sich auf den Bassbezug; Wirkung von F1 bis e1], Forte [Dämpfungsaufhebung], Doppelmoderator, Moderator [Die beiden Moderator-Pedale bewegen dieselbe Hebelkonstruktion verschieden tief: Filzstreifen werden zwischen Hammerköpfe und Bezug geschoben.], Janitscharenzug [Trommel in Gestalt eines Hammers, der von unten gegen den Resonanzboden schlägt, Dreifach-Glöckchen an der Basswand, "Becken" in Gestalt einer Metallplatte, die im Bassbereich auf die Saiten geschlagen wird])
  • Bezug durchgängig dreichörig 14x Messing blank, 59x Eisen blank; Blindchor (ebenfalls dreichörig) zwischen e1und e2 [mit eigenem, sich mit dem Fortepedal und der Kastendämpfung aufhebenden Dämpfer - damit ist auch der Blindchor zu stimmen!].

Voreigentümer: Dr. Werner [Maurice] Grunwald, Ludwigsburg

Literatur: Theodor Wohnhaas: Nürnberger Klavierbauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Vol. 54 (1966), S. 150f.; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982: deest; Hubert Henkel: Münchens Hammerklavierbau im 18. und frühen 19. Jahrhundert. In: Deutsches Museum: Wissenschaftliches Jahrbuch 1992/93, München 1993, S. 75-106; Hubert Henkel, Besaitete Tasteninstrumente (Kat. Slg.d. Deutschen Museums München), Frankfurt 1994, S. 195-197 [Vita; Giraffen-Flügel von Anton Biber]; Gutachten J. C. Neupert, masch., ca. 1998 [dort entnommen die oben wiedergegebene Instrumenten-Beschreibung]; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 32; Hubert Henkel, Art. „Biber, Anton“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 57f.; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 10. Aufl. Frankfurt/Main 2005, S. 56.

Zur Datierung: Das Instrument ist undatiert und weist außer dem Namen "Biber" auf dem Schild im Vorsatzbrett keinerlei Worte und Zahlen etc. auf. Das Herstellungsjahr des Instrumentes wurde von Wolf Dieter Neupert anhand der bei Clinkscale (siehe Literatur) gelisteten Instrumente geschätzt. Demnach wird derzeit kein Bibersches Instrument vor 1830 datiert. Bibers Tätigkeit als Instrumentenbauer beginnt jedoch spätestens 1824. Zudem weist dieses Instrument lediglich einen Manualumfang von sechs Oktaven auf, das Klangbild der kleinen, schmalen belederten Hämmerchen ist recht "archaisch". Untersuchungen zum Intervall, innerhalb dessen Janischaren-Züge in Tasteninstrumente gebaut wurden, stehen zudem noch aus.


5. 1830 (ca.) Hammerflügel Joseph Baumgartner (München)

Hammerflügel Joseph Baumgartner 1830 - Gesamtschau Hammerflügel Joseph Baumgartner 1830 - bei J. C. Neupert Bamberg
Hammerflügel Joseph Baumgartner 1830 - Schild auf Vorstecker Hammerflügel Joseph Baumgartner 1830 - akustische Anlage
Die Bilder zeigen das Instrument vor und während der letzten Restauration.

Kurzcharakteristik: Sehr dekorativer Hammerflügel (Palisanderholz), undatiert, ohne Nummer. Sehr stabile, große und schwere Holzkonstruktion aus der Zeit, kurz bevor aufgrund des immer höher werdenden Saitenzuges Spreizen und gusseiserne Rahmen in den Klavierbau eingeführt wurden. Im Diskant befindet sich direkt am Stimmstocksteg ein Kapodaster, um das Herausschlagen der Saiten aus der Schränkung zu vermeiden und damit die Sauberkeit des Klanges zu fördern. Der Flügel befindet sich in konzertmäßig spielbarem Zustand (Restauration Metz, Regensburg ca. 1990 [Stimmton 392 Hz.], neuer Bezug [Stimmton 430-440 Hz.] durch J. C. Neupert Bamberg 2003).

Messinggerahmtes Papierschild: "Joseph Baumgartner / München". Dahinter verborgen eingeklebtes Papierschild: "Wilh. Scherner & Sohn / Pianofortemagazin / München Landwehrstraße 39/0"

Joseph Baumgartner war vielleicht bei Louis Dulcken (München) in der Lehre, bevor er zehn Jahre bei Ignaz Pleyel (Paris) arbeitete. In München nachweisbar ist Baumgartner von 1816 bis 1845. Neben dem Instrument der Sammlung Dohr sind lediglich zwei weitere Baumgartner-Hammerflügel bekannt: Das Instrument ist wohl älter als das im Deutschen Museum München erhaltene Schwesterinstrument, da es nicht wie jenes im Diskant die patentierte vierchörige Besaitung (Patente von 1830 bzw. 1831) aufweist. Ein weiteres Instrument befindet sich in der Städtischen Instrumentensammlung München.

  • Länge: 242 cm
  • Breite: 142 cm
  • Umfang: C1 bis g4 (sechseinhalb Oktaven)
  • 2 Pedale (Verschiebung, Dämpfungsaufhebung)
  • Wiener Mechanik (Prellzungenmechanik) in der Streicherschen Modifkation, mit belederten Hammerköpfen, Kastendämpfung
  • Bezug zweichörig Messing C1 bis E1; dreichörig Messing F1 bis G, Rest dreichörig Stahl

Voreigentümer: Privatbesitz, Kötzting/Bayerischer Wald

Literatur: Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 26; Hubert Henkel: Münchens Hammerklavierbau im 18. und frühen 19. Jahrhundert. In: Deutsches Museum: Wissenschaftliches Jahrbuch 1992/93, München 1993, S. 75-106; Hubert Henkel, Besaitete Tasteninstrumente (Kat. Slg.d. Deutschen Museums München), Frankfurt 1994, S. 154f.; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 23f.; Hubert Henkel, Art. „Baumgartner, Joseph“, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 40f.


6. 1841 (ca.) Konzertflügel Conrad Graf (Wien)

Kurzcharakteristik: auf 190 cm kupierter, original wohl ca. 230 cm langer Wiener Flügel, wahrscheinlich des bedeutenden Wiener Klavierbauers Conrad Graf. Bassklangsteg entfernt, stattdessen gerader Basssteg, der direkt am Diskantsteg anschließt. Wohl ebenfalls im Rahmen dieses Umbaus wurden drei der ursprünglich fünf Pedale demontiert. Die Spuren der demontierten drei "Veränderungen" setzen sich am Unterboden fort.

  • Namen auf eingelassener Tafel auf Kämpfer: "C. Graf / Wien".
  • 2 Nummern links auf Stimmstock, entlang Basswand: 7125 (klein) 7701 (größer). Diese Seriennummern lassen sich nicht mit den von Conrad Graf vergebenenen Nummern in Verbindung setzen (Grafs Nummern enden bei +/- 3000)
  • Hinweis auf Umbau/Reparatur auf der rechten hinteren Seite des ersten Tastenhebels: "Rep. Georges Mayer im Jahre 1855 am 23. März in Wien"
  • zweiteiliger Deckel; geschwungene Tastenklappe am Vorderdeckel anhängend.
  • geradsaitiger Bezug
  • reine Holzkonstruktion mit zwei Spreizen im Damm, keine eiserne Anhänge, Spreizen, Kapodaster etc.
  • Mechanikanhebung/-absenkung geschieht durch eigentümliche Konstruktion, die lediglich ca. 5-8 cm herausgezogen wird, die Mechanik vorne und hinten absenkt/anhebt, im übrigen aber im Instrument bleibt.
  • Länge: 190 cm
  • Breite: 130/132 cm (Korpus/Deckel)
  • Umfang: C1 bis g4 (sechseinhalb Oktaven)
  • 2 Pedale (Verschiebung, Dämpfungsaufhebung); Pedale arbeiten auf Zug (Drahtverbindung); in der Lyra sind die Pedalplätze 1,3,5 vacant.
  • Wiener Mechanik (Prellzungenmechanik) mit belederten Hammerköpfen, Wiener Kastendämpfung (im 20. Jahrhundert neu garniert)
  • Bezug einchörig umsponnen C1 bis F1; zweichörig umsponnen Fis1 bis d, Rest dreichörig Stahl

Kommentar: Wenn es doch auf der einen Seite höchst bedauerlich ist, dass dieser wunderschöne Graf-Flügel (sicherlich bereits im 19. Jahrhundert) von einem Voreigentümer um rund einen halben Meter gekürzt wurde, so interessant ist doch dieser Flügel auf der anderen Seite innerhalb der Sammlung Dohr, stellt er doch ein besonderes Dokument dar, wie wertvolle, gut klingende und geliebte Instrumente auch für kleinere Wohnungen "zurechtgestutzt" wurden, um sie weiter nutzen zu können.

Voreigentümer: Sammlung Prof. Dr. Rullfs, Heppenheim


7. 1861 Konzertflügel Johann Baptist Streicher & Sohn (Wien)

Hammerflügel Johann Baptist Streicher & Sohn 1861 - Bergezustand Kurzcharakteristik: Instrument Nr. 5886 (ergibt Baujahr 1861); die Familien Stein und Streicher gehörten für mehr als drei Generationen zu den wichtigsten Klavierbauern der Musikhauptstadt Wien. Goethe, Clara Schumann und Johannes Brahms spielten auf Streicher-Flügeln. Wiener Mechanik. Das in seiner Substanz gut erhaltene Instrument wurde von den Werkstätten für historische Tasteninstrumente J. C. Neupert in Bamberg im Sommer 2003 restauriert. Das nebenstehende Foto zeigt das Instrument im "Bergezustand".

Technische Angaben

  • Länge: 233 cm
  • Breite 1xx cm
  • Korpushöhe xx cm
  • Höhe gesamt xx cm
  • Umfang: A2-a4 (7 Oktaven)
  • zwei Pedale (Dämpfungsaufhebung, Verschiebung).
  • geradsaitiger Bezug
  • Wiener Mechanik (Prellzungenmechanik) mit belederten Hammerköpfen, Kastendämpfung
  • Mechanikanhebung/-absenkung geschieht durch eigentümliche Konstruktion: Durch die Korpusunterseite sind Holzstempel eingeführt, die die Mechanik nach dem Einschieben in Spielposition heben.

Langtext: Bei diesem Instrument handelt es sich um einen originalen Hammerflügel der berühmten Wiener Klavierfabrik Johann Baptist Streicher und Sohn mit der Produktionsnummer 5886 aus dem Jahre 1861. Dieser Flügel weist mit 233 cm eine seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Konzertgebrauch übliche Länge auf.

Die Tradition der Klavierbauerfamilie Streicher beginnt mit dem in Augsburg tätigen Johann Andreas Stein (1728-1792), dessen Tochter Nannette (1769-1833) den Pianisten und Klavierbauer Johann Andreas Streicher, einen Jugendfreund Friedrich Schillers, heiratete. Nach Steins Tod verlegte das Ehepaar Streicher 1794 die Werkstatt nach Wien. Instrumente von Stein und Streicher wurden u. a. von Mozart und Beethoven hoch geschätzt. Mehr als ein Jahrhundert, nämlich bis zur Schließung im Jahre 1896, war die Klavierbauerdynastie an vorderster Front bei der Weiterentwicklung von Hammerflügeln tätig. Johann Wolfgang von Goethe, Clara Schumann und Johannes Brahms besaßen Streichersche Flügel.

Der Flügel weist einige zeittypische, bei späteren, modernen Konzertflügeln nicht mehr zu findende bauliche Besonderheiten auf, von denen die wichtigsten nachfolgend benannt sind:

• Die Saitenspannung wird noch nicht durch einen gusseisernen Rahmen, sondern ausschließlich von zwei die Holzrastenkonstruktion unterstützenden Eisenstreben kompensiert.

• Das Instrument besitzt eine "Wiener Mechanik" (Prellzungenmechanik), wie sie vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wegen ihres hellen, singenden Tons und ihrer leichten und damit feine Nuancierungen zulassenden Spielart sehr beliebt war. Die Prellzungenmechanik unterlag schließlich der heute ausschließlich gebauten, zu Streichers Zeiten besonders von der renommierten englischen Firma Broadwood and Sons und der noch sehr jungen, aber rasch sehr erfolgreichen Firma Steinway verbreiteten "englischen" Stoßzungenmechanik; letztere ermöglichte größere Hammerkopfgewichte (bei freilich deutlich schwererer Spielart) und damit den Bau lauter klingender Instrumente für die ständig an Größe wachsenden Säle des bürgerlichen Konzertbetriebs.

• Im Gegensatz zu den heutigen, aus gepresstem Filz bestehenden Hammerköpfen sind die Hammerköpfe des Streicherschen Flügels beledert. Das Ergebnis ist ein obertonreicherer, silbriger Klang, der eine besonders klare Zeichnung der musikalischen Linien zur Folge hat.

Voreigentümer: Sammlung Prof. Dr. Rullfs, Heppenheim

Literatur: Art. Streicher, Johann Andreas, in: Schilling (Hg.), Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, oder Universal-Lexicon der Tonkunst. Sechster Band. Stuttgart: Franz Heinrich Köhler 1838, S. 520-522; Oscar Paul, Geschichte des Claviers, Leipzig 1868, S. 138-142; Alfred Dolge, Pianos and their makers, 1911, Reprint New York 1972, S. 219; Blüthner/Gretschel, Der Pianofortebau, 4. Aufl. Leipzig 1921, S. 24f.; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 292; Günther Batel, Handbuch der Tasteninstrumente und ihrer Musik, München 1991, S. 126; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 290; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 365-370. Uta Goebl-Streicher, Jutta Streicher und Michael Ladenburger: „Diesem Menschen hätte ich mein ganzes Leben widmen mögen.“ Beethoven und die Wiener Klavierbauer Nannette und Andreas Streicher. Eine Ausstellung im Beethoven-Haus Bonn. Bonn: Verlag Beethoven-Haus 1999. [= Veröffentlichungen des Beethoven-Hauses – Ausstellungskataloge Bd. 6.]

Tonträger: DCD020: Franz Wüllner, Kammermusik (Bredohl, Kabanova, Titova u.a.), Verlag Dohr, Dezember 2003.


8. 1865 Salonflügel Kirkman & Son (London)

Kurzcharakteristik: Ein 2 Meter langer, sehr schöner englischer Salonflügel aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Kirkmann & Son, gegründet 1720 vom Deutschen Jacob Kirchmann, gehörte zu den ältesten Klavierbaufirmen in England.

Voreigentümer: Sammlung Prof. Dr. Rullfs, Heppenheim

Literatur: Edgar Brinsmead : The History of the Pianoforte, London 1889, S. 139; Alfred Dolge, Pianos and their makers, 1911, Reprint New York 1972; Oscar Paul, Geschichte des Claviers, Leipzig 1868, S. 159; Blüthner/Gretschel, Der Pianofortebau, 4. Aufl. Leipzig 1921, S. 29; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 163; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 166; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 210f.


9. 1865 Konzertflügel Broadwood & Sons (London)

1865 Konzertflügel John Broadwood & Sons, London Kurzcharakteristik: Bedeutender und in seiner Zeit weit verbreiteter englischer Konzertflügel des wichtigen englischen Klavierbauers Broadwood & Sons - hatte im 19. Jh. die wirtschaftliche Stellung, die Steinway & Sons heute genießt. Auf einem derartigen Konzertflügel konzertierte u.a. Franz Liszt.

Modell “Short Drawing Room Grand 2266"(auf Resonanzboden), # 11131 (an vielen Stellen im Instrument) / 54889. Die von Broadwood zur Datierung online gestellten Informationen helfen nur bedingt weiter. Vielleicht hat dieses Instrument aufgrund seiner Überarbeitungen (eine davon zu erkennen am erheblich jüngeren Patentdeckel) drei verschiedene Pianonummern erhalten.

Besonderheiten

  • Die Stimmwirbel besitzen metrische Gewinde und sind in eine Eisenplatte eingeschraubt, darunter befindet sich als "Drehmoment-Bremse" der eigentliche hölzerne Stimmstock. Dieses patentierte "Metallic Screw Pin Piece" wurde ab 1862 gebaut. Diese konstruktive Besonderheit erfordert vom Klavierstimmer eine andere Technik beim Stimmen, da ausschließlich durch Drehen, nicht durch Ruckeln oder Drücken etc., gestimmt werden kann.
  • Nachträglich (1915) eingebauter Patentdeckel: Der vordere horizontale Teil des Deckels ist dreigeteilt, so dass sich das mittlere Segment separat öffnen lässt.

Technische Angaben

  • Länge: 235 cm
  • Breite: 141 cm
  • Korpushöhe 35 cm
  • Höhe gesamt 95 cm
  • Umfang: A2-a4 (7 Oktaven)
  • zwei Pedale (Dämpfungsaufhebung, Verschiebung).
  • geradsaitiger Bezug: A2-E1 einchörig, F1-G1 zweichörig, Rest dreichörig (2007 neuer Bezug mit historischem Pure-Sound-Klavierdraht, nachdem sowohl der moderne wie auch der Malcom-Rose-Draht keine brauchbaren Ergebnisse brachten)
  • englische Stoßmechanik (keine doppelte Auslösung)
  • kleine Püscheldämpfer von geringem Gewicht und kurzer Auflage (bei Restaurierung 2007 durch gleichdimensionierte Keildämpfung ersetzt).

Restaurierung 2002 bis 2007 (!) durch J. C. Neupert, Bamberg.

Voreigentümer: Sammlung Prof. Dr. Rullfs, Heppenheim

Literatur: Alfred Dolge, Pianos and their makers, 1911, Reprint New York 1972; Oscar Paul, Geschichte des Claviers, Leipzig 1868, S. 159, 165; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 50f.; David Wainwright: Broadwood by Appointment. A History. London: Quiller Press 1982; Derek Adlam und Cyril Ehrlich: Art. „Broadwood“, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 6. Aufl. 1985, Vol. 3, S. 324f.; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 65-67.


10. 1868 Konzertflügel Theodor Stöcker (Berlin)

Kurzcharakteristik: Technische Rarität! „Stöcker gehörte Mitte des 19. Jahrhunderts zu den besten Berliner Klavierbauern.“ (Speer) Der Flügel weist eine „oberschlägige Mechanik“ auf, das heißt, die Saiten werden von oben angeschlagen und die Hämmer mittels eines komplizierten Federsystems wieder in die Ruhelage zurückgeführt. Die Oberschlägigkeit bewirkte Klangreinheit und einen glockenartigen Klang, war jedoch in der Fertigung sehr teuer. Stöcker war nach Nanette Streicher (Wien) und Jean Henri Pape (Paris) neben Wornum (London) der letzte Hersteller oberschlägiger Mechaniken. Viele große Museen besitzen (meist nicht spielbare) Stöcker-Flügel. 2001 Restaurierung durch J.C. Neupert Bamberg.

Langtext: Bei diesem Instrument handelt es sich um einen Konzertflügel aus der Werkstatt eines führenden Berliner Klavierbauers, Theodor Stöcker (1811-1878). Stöcker baute von Ende der 1830er bis zur Schließung seiner Firma aus Altersgründen bis auf wenige Ausnahmen einen einzigen Instrumententyp, einen Konzertflügel ca. 220 cm lang mit oberschlägiger Mechanik, Palisander furniert. Die Mechanik wurde im Laufe der Jahre kontinuierlich weiterentwickelt.

Stöcker gehörte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den besten deutschen Klavierbauern. P.A. Rudolf Ibach besuchte auf einer großen Rundreise am 29. Mai 1865 die Stöckersche Werkstatt und notierte in sein Tagebuch: "... zu Theodor Stöcker, Leipziger Straße, gegangen. Fabrikant von oberschlägigen Flügeln. Dieselben sind sehr schön gleichmäßig und wohlklingend, fast glockenartig. St[öcker] macht im Diskant auf der Platte eine eigene Vorrichtung zur Bequemlichkeit des Stimmens [Feinstimmer], während die Stimmnägel an dieser Stelle nur zum Aufziehen der Saiten dienen. [...] Die Mechanik ist eigenthümlich und sehr compliciert. - St[öcker] baut nur diese Sorte von Flügel in 2 Größen, arbeitet sehr solide, ist mit seinem Fache sehr vertraut, macht kein Aufsehen mit seinen Fabrikaten, verkauft aber dabei sehr viel, u[nd] macht gar nicht mit Händlern. St[öcker] betreibt sein Geschäft so, wie man eine Pianofortefabrik eigentlich betreiben soll, aber heutzutage nicht mehr kann. Wenn St[öcker] auf diese Weise ruhig fortarbeitet, so wird er bei dem Aufsehen und dem Geschrei, welches jetzt überall gemacht wird, der Welt bald unbekannt, und in sich selbst vergehen werden." Theodor Stöcker arbeitete rein handwerklich, also nicht industriell wie etwa Ibach.

Wie andere herausragende Klavierbauer (Streicher in Wien, Pleyel, Pape und Erard in Paris, nach ihm Bechstein und Duysen in Berlin), unterhielt Theodor Stöcker einen eigenen Konzertsaal in der Kochstraße 57, um seine Instrumente konzertant dem zahlungskräftigen Publikum näherzubringen. Konzerte sind von ca. 1844 bis in die Mitte der 1860er Jahre nachweisbar; für den Berliner Tonkünstlerverein war der Stöcker'sche Saal zugleich eine Art "Heimstatt".

Theodor Stöcker baute innerhalb von 33 Jahren etwas mehr als tausend Instrumente, von denen nach Forschungen des Stöcker-Experten Heiko Schwichtenberg vielleicht vierzig erhalten sind. Wiederum nur ein Teil der erhaltenen Instrumente befindet sich in spielfähigem Zustand.

Der für die vorliegende Einspielung verwendete Konzertflügel mit der Fertigungsnummer 944 wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit 1868 gebaut; das Instrument wurde 2001 als erstes für die damals noch nicht existente Sammlung Dohr erworben und von den Werkstätten für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert Bamberg unter Wahrung der vollständig erhaltenen Originalsubstanz konzerttauglich restauriert.

Voreigentümer: kleine Privatsammlung, nahe Aschaffenburg

Literatur: Oscar Paul, Geschichte des Claviers, Leipzig 1868, S. 136 u. 138; Art. „Pianoforte“, in: Mendel/Reissmann, Musikalisches Conversations-Lexikon, Bd. 8 (1877), S. 85-91, hier S. 87); Blüthner/Gretschel, Der Pianofortebau, 4. Aufl. Leipzig 1921, S. 25f.; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 288 („Theo Stocker); Gesine Haase: Der Berliner Pianofortebau, in: Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz (Hg.): Handwerk im Dienste der Musik. 300 Jahre Berliner Musikinstrumentenbau. Berlin 1987, S. 67-90 u. 136, 139; Heiko Schwichtenberg, Der Klavierbauer Theodor Stöcker aus Berlin. Magisterarbeit TU Berlin masch. 1990; Christoph Dohr: Die Instrumentensammlung des Musikwissenschaftlichen Instituts zu Köln. in: Werner Schäfke (Hg.): Die Musikinstrumentensammlung des Kölnischen Stadtmuseums, Köln und Kassel 1993, S. 19-44, hier S. 35f.; Geraldine Keeling: Konzertklaviere in Deutschland. In: Der junge Liszt. Referate des 4. Europäischen Liszt-Symposions Wien 1991, hg. Von Gottfried Scholz, München u.a.: Katzbichler 1993, S. 68-76 (bes. S. 70-72); Hubert Henkel, Besaitete Tasteninstrumente (Kat. Slg.d. Deutschen Museums München), Frankfurt 1994, S. 168-171; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 289; Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 358-360; Konstantin Restle (Hg.): Faszination Klavier, München 2000, S. 114; Florian Speer, Ibach und die anderen, Wuppertal 2002, S. 98f. u. 105.

Tonträger: DCD009: Friedrich Kiel, Das Klavierwerk Vol. 1 (Oliver Drechsel) 2002; DCD011: Friedrich Kiel, Das Klavierwerk Vol. 2 (Oliver Drechsel, Wilhelm Kemper) 2003; DCD013: Friedrich Kiel, Das Klavierwerk Vol. 3 (Oliver Drechsel, Wilhelm Kemper) 2004.


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11. 1877 Salonflügel Pleyel & Wolff (Paris) # 68941

Kurzcharakteristik: Ein Flügel, typisch im Klang für die französische Klaviermusik der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, von einem der bedeutendsten französischen Klavierbauer des 19. Jahrhunderts. Sieben Oktaven Umfang (A2-a4).

Voreigentümer: Sammlung Prof. Dr. Rullfs, Heppenheim

Literatur: Turgan: La manufacture de pianos de MM. Pleyel, Wolff et Cie, in : ders., Les grandes usines, études industrielles en France et à l’étranger, Paris : Michael Lévy Frères 1869 (Nachdruck in : Le pianoforte en France et ses descendants jusqu’aux  années trente, Paris: Agence Culturelle 1995); Edgar Brinsmead : The History of the Pianoforte, London 1889, S. 124 u. S. 143; Art. „Pianoforte“, in: Mendel/Reissmann, Musikalisches Conversations-Lexikon, Bd. 8 (1877), S. 85-91, hier S. 91); Blüthner/Gretschel, Der Pianofortebau, 4. Aufl. Leipzig 1921, S. 32 und S. 116f.; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 234; Olivier Barli: La Facture Française du Piano de 1849 à nos Jours. Paris: La Flute de Pan 1983; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/ Main 1999, S. 231f.


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12. 1894 Salonflügel Pleyel (Paris) # 104 198

Kurzcharakteristik: Ein Flügel, typisch im Klang für die französische Klaviermusik des "Fin de Siècle", von einem der bedeutendsten französischen Klavierbauer des 19. Jahrhunderts; für die Bauzeit auffällig altertümliche Konstruktion (englische Mechanik ohne doppelte Auslösung, gusseiserne Anhangplatte mit Spreizen). Sieben Oktaven Umfang (A2-a4). 200 cm Länge. Wiederspielbarmachung 2013 durch Egon Zähringer, Köln.

Voreigentümer: Privatbesitz Eheleute Hemmrich, Pulheim

Literatur: Turgan: La manufacture de pianos de MM. Pleyel, Wolff et Cie, in : ders., Les grandes usines, études industrielles en France et à l’étranger, Paris : Michael Lévy Frères 1869 (Nachdruck in : Le pianoforte en France et ses descendants jusqu’aux  années trente, Paris: Agence Culturelle 1995); Edgar Brinsmead : The History of the Pianoforte, London 1889, S. 124 u. S. 143; Art. „Pianoforte“, in: Mendel/Reissmann, Musikalisches Conversations-Lexikon, Bd. 8 (1877), S. 85-91, hier S. 91); Blüthner/Gretschel, Der Pianofortebau, 4. Aufl. Leipzig 1921, S. 32 und S. 116f.; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 234; Olivier Barli: La Facture Française du Piano de 1849 à nos Jours. Paris: La Flute de Pan 1983; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 10. Aufl. Frankfurt/ Main 2005, S. 262f.


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13. 1897 "Großer Salonflügel" Fl 35 Rudolf Ibach (Schwelm) # 30872

Kurzcharakteristik: Die Besonderheit dieses 218 cm langen und mit 480 kg recht schweren Instrumentes ist die sog. Strahlenklaviatur: Die Strahlenklaviatur gehört in die Reihe der Versuche, die Ergonomie des Klavierspiels zu verbessern. Während die Tastenfront eine Gerade bildet, ist jede Taste in sich auf einen zentralen Punkt vor dem Instrument hin strahlenförmig ausgerichtet; das Spiel auf der Strahlenklaviatur erweist sich als sehr gewöhnungsbedürftig. Da das Baujahr und sein Erstverkauf des Flügels eindeutig belegt ist, zu diesem Zeitpunkt allerdings die Strahlenklaviatur wohl noch nicht erfunden worden war, wird diese evtl. nachträglich eingebaut worden sein. Flügel mit Strahlenklaviatur sind extrem selten. Ibach gründete zur Vermarktung dieser Erfindung eigens eine "Strahlenklaviatur G.m.b.H. in Barmen", wie u.a. aus dem Memorial des Großherzogtums Luxemburg Nr. 32 vom 12. Juni 1909 hervorgeht (dort als Patent N° 7933 vom 18. Mai 1909 angezeigt).

"Nach den Verkaufsbüchern handelt es sich bei dem Ibach-Flügel mit der Fabrikations-Nr. 30 872 um einen Flügel Modell 35 (Konstruktions-Nr.) in schwarz poliert. Der Flügel wurde am 24.12.1897 an Herrn Ernst Metzkes in Barmen verkauft. Weil ab den [18]90er Jahren die Konstruktions-Nr. nicht mehr mit der Verkaufsbezeichnung in den Katalogen übereinstimmt, kann ich leider nicht rekonstruieren, um was für ein Instrument es sich handelt. Jedenfalls ist diese Konstruktions-Nr. 35 ganz selten und das beruht sicherlich darauf, daß es sich um einen Flügel mit der Strahlenklaviatur handelt." (Schreiben von [Johann] Adolf Ibach [1911-1999] vom 22. Februar 1991 an Rolf Wasser)

Diese Aussagen werden von Ibach-Forscher Dr. Florian Speer relativiert: "[...] Die Modellnummer Fl 35 wurde für den 'großen Salonflügel' [...] benutzt, aber nur in den Jahren 1892 bis 1901. [...] Die Aussage von Adolf Ibach, es sei ein 'seltenes' Instrument, ist eindeutig falsch; selten bezieht sich nur auf die Zeit bzw. Anzahl der Instrumente, für die intern die Bezeichnung Fl 35 genutzt wurde. Das Instrument selbst als 'großer Salonflügel' ist nicht selten! [...] Die Sache mit der Strahlenklaviatur / ggf. Bogenklaviatur läßt sich archivalisch nicht klären. Ich denke aber, gerade weil das Instrument wieder ins Barmer Werk zurückgegeben wurde, daß man die neue Klaviatur - ggf. auf Wunsch der neuen Kundin, ggf. auch aus eigenem Interesse, um Erfahrungen damit zu sammeln - nachträglich eingebaut hat. Die Verbindung von Typenbezeichnung zur verwendeten Klaviatur, die Adolf Ibach damals für möglich hielt, ist eindeutig ein Irrtum. Diese Sonderklaviatur setzte sich seinerzeit nicht durch, war relativ selten. Für Instrumente, die mit dieser Klaviatur ausgerüstet waren, wurden keine besonderen Modellnummern benutzt!" (E-Mail vom 03.12.2008)

Das Instrument befand sich nur kurz im Besitz von Ernst Metzkes, wurde von diesem an Ibach zurückgegeben und am 9. Dezember 1905 von der Vohwinkler Pianistin Mathilde Dreissen (verheiratete Heinemann), der Mutter von Dr. Hilde Wasser, gebraucht bei Ibach erworben (Originalrechnung erhalten; vgl. Akte des Voreigentümers). Das Instrument wurde jedoch eher selten und wohl nie konzertant gespielt. Mathilde Dreissen hatte bei Prof. Dr. Otto Neitzel in Köln studiert und war in den 1910er Jahren als Klavierlehrerin am Krefelder Konservatorium, später in Düsseldorf beschäftigt. Zu ihrem Repertoire gehörten u.a. die Klavierkonzerte von Saint-Saëns und Liszt, die großen Variationszyklen von Beethoven und Tschaikowsky u.a.m.

Restauration 1999 (kpl. Neuaufbau u.a. nach Kriegsschaden, u. a. neuer Bezug, neue Hammerköpfe, neue Wirbel, neue Oberfläche, Rahmen geschweißt) und 2009 (Neuaufbau wg. erneuten Rahmenbruchs) durch Pianohaus Faust, Wuppertal.

Voreigentümer: Eheleute Rolf und Dr. Hilde Wasser (Spende an das Pianomuseum/Sammlung Dohr im Dezember 2008)

Literatur: Curt Sachs: Real-Lexikon der Musikinstrumente, 1881-1959, Nachdruck Hildesheim 1962, S. 359 (benennt Albert Schulz als Erfinder und 1908 als Jahr); Hubert Henkel: Art. "Klavier", in: MGG Sachteil Bd. 5 (1996), Sp. 283-313, hier Sp. 309f. (mit Abbildung; "Auch manchen Erneuerungen der Klaviatur war der Erfolg auf Dauer versagt. Hervorzuheben ist vor allem die Jankó-Klaviatur mit ihren terrassenförmig übereinanderliegenden Tasten, die um 1900 und nochmals in der [sic!] 1920er Jahren für einiges Aufsehen sorgte; die Bogenklaviatur von Fred Clutsam (nachgewiesen 1907-1911) aus dem Jahr 1907 und die Strahlenklaviatur von Albert Schulz (nachgewiesen 1895-1908) aus dem Jahr 1908 sind dagegen nicht in größeren Stückzahlen gebaut worden."); Robert Palmieri, Margaret W. Palmieri: Piano: An Encyclopedia. Taylor & Francis, 2003, hier S. 207 (Abschnitt "Concave Keyboards"; gibt "about 1908" für die Erfindung an); Florian Speer, Ibach und die anderen, Wuppertal 2002, S. 147 (gibt das Jahr 1908 für die Ibachsche Erfindung der Strahlenklaviatur an); Gerhard Menzel: Artikel "Ibach" in: Lexikon des Klaviers, Laaber 2006, S. 353f.; Akte des Voreigentümers; Wikipedia-Artikel "Ibach";


14. 1909 Stutzflügel Bösendorfer (Wien)

Kurzcharakteristik: Salon- und Kaffeehaus-Flügel des in der Neuzeit bedeutendsten Wiener Klavierbauers. Sehr spätes Beispiel für die Wiener Mechanik, guter Original-Erhaltungs-Zustand.

Voreigentümer: Sammlung Prof. Dr. Rullfs, Heppenheim

Literatur: Alfred Dolge, Pianos and their makers, 1911, Reprint New York 1972, S. 219 f.; Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 42; Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 59f.; MGG; Grove.


[15. 1977 Hammerspinet Steen Nielsen #325 (Kopenhagen/Dänemark)]

Kurzcharakteristik: Dieses Instrument ist eine einzigartige Mischung von Hammerflügel und Cembalo/Spinett. Die Beschreibung findet sich auf der Seite der Kielinstrumente.

DohrCompactDiscs
mit Instrumenten der Sammlung Dohr

aktualisiert Mittwoch, 1. Januar 2014updated
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